Zusammenfassung
Verbreitung und regionale Unterschiede
LaCorte beginnt mit der Feststellung, dass Cousin- und Cousinen-Ehen in den meisten Ländern rechtlich erlaubt seien, außerhalb bestimmter Regionen aber nur selten vorkämen. In den USA liege der Anteil nach seinen Angaben bei etwa zwei von tausend Ehen. Eine deutlich höhere Verbreitung beschreibt er in einem Gebiet von Nordafrika bis Pakistan, das er als „cousin marriage belt“ bezeichnet. [00:01:15–00:02:22]
Pakistan nennt er als besonders ausgeprägtes Beispiel: Dort seien ungefähr zwei Drittel der Ehen zwischen Blutsverwandten geschlossen, häufig zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades. Für den Nahen Osten und Nordafrika nennt er Größenordnungen von 20 bis 50 Prozent. Zugleich betont er große Unterschiede zwischen muslimisch geprägten Ländern. Für Bangladesch und Indonesien nennt er etwa 17 Prozent, für die Türkei rund 25 Prozent und für Muslime in Indien etwa 32 Prozent. Bei in Großbritannien geborenen Pakistanern würden die Raten gegenüber der Elterngeneration deutlich sinken. [00:02:11–00:03:11]
Gesundheitliche Risiken
LaCorte beschreibt ein erhöhtes Risiko genetischer Erkrankungen bei Kindern von Cousins und Cousinen ersten Grades. Das Risiko für Geburtsfehler steige seiner Darstellung zufolge von ungefähr zwei bis drei auf vier bis sechs Prozent. Bei wiederholten Cousin- und Cousinen-Ehen über mehrere Generationen könnten bestimmte seltene Erbkrankheiten erheblich häufiger auftreten. [00:05:53–00:06:33]
Als Beispiel nennt er Bradford in England. Dort machten britisch-pakistanische Kinder nach seinen Angaben drei Prozent aller Geburten aus, aber 30 Prozent der Kinder mit genetischen Erkrankungen. Gleichzeitig stellt er heraus, dass die große Mehrheit der Kinder aus solchen Verbindungen gesund geboren werde. [00:06:33–00:06:56]
Warum Familien Cousin- und Cousinen-Ehen bevorzugen
Als Hauptursachen sieht LaCorte nicht die Religion allein, sondern soziale und wirtschaftliche Strukturen. Am Beispiel Pakistans beschreibt er Großfamilien und Clans als zentrale Netzwerke für finanzielle Hilfe, Geschäftskontakte und soziale Absicherung. Eine Ehe innerhalb der Verwandtschaft könne solche Verbindungen stärken und Vermögen innerhalb der Familie halten. [00:07:38–00:08:31]
In landwirtschaftlich geprägten Regionen könne eine Heirat zwischen Verwandten außerdem verhindern, dass Landbesitz dauerhaft zwischen verschiedenen Familien aufgeteilt werde. LaCorte führt zudem niedrigere Heirats- beziehungsweise Mitgiftkosten sowie die Konzentration von Vermögen als Gründe an. Wohlhabende Familien könnten dadurch Besitz und Einfluss innerhalb der Familie halten, während ärmere Familien Kosten sparen könnten. [00:08:31–00:09:35]
Aus Sicht der Familien gebe es weitere Vorteile: Die Tochter bleibe räumlich näher bei ihren Angehörigen, beide Familien kennten sich bereits, und man gehe davon aus, dass Verwandtschaft eine gewisse soziale Kontrolle über das Verhalten des Ehemanns ermögliche. LaCorte hält jedoch fest, dass er keine belastbaren Hinweise darauf gefunden habe, dass Cousin- und Cousinen-Ehen Frauen generell besser vor häuslicher Gewalt schützten. [00:09:35–00:10:45]
Ein weiterer Faktor sei die Geschlechtertrennung. In konservativen und ländlichen Milieus könnten Verwandte zu den wenigen Personen des anderen Geschlechts gehören, mit denen junge Menschen überhaupt Kontakt hätten. LaCorte verweist außerdem auf arrangierte Ehen und nennt eine Umfrage von 2019, nach der 82 Prozent der befragten pakistanischen Frauen angegeben hätten, bei der Wahl ihres Ehepartners keine Entscheidungsmöglichkeit gehabt zu haben. [00:10:45–00:11:46]
Auch hohe Geburtenraten seien für die Fortdauer solcher Heiratsmuster wichtig, weil dadurch viele potenzielle Cousins und Cousinen vorhanden seien. Sinkende Geburtenraten, höhere Bildung von Frauen, Urbanisierung und stärkere soziale Durchmischung seien nach LaCortes Darstellung Gründe dafür, dass Cousin- und Cousinen-Ehen beispielsweise in Bangladesch und der Türkei zurückgingen. [00:11:46–00:12:54]
Islam, Christentum und historische Entwicklung
LaCorte argumentiert, dass der Islam Cousin- und Cousinen-Ehen nicht eingeführt habe. Die Praxis sei bereits in vorislamischen Gesellschaften verbreitet gewesen. Der entscheidende Unterschied liege für ihn darin, dass sie im Islam nicht verboten worden sei. Er verweist darauf, dass Cousins und Cousinen im Koran nicht unter den verbotenen Ehepartnern aufgeführt würden und die großen islamischen Rechtsschulen solche Ehen akzeptierten. [00:13:10–00:14:39]
Das westliche Heiratsmuster erklärt er dagegen teilweise mit kirchlichen Verboten. Ab etwa 500 n. Chr. habe die katholische Kirche Ehen zwischen Verwandten zunehmend eingeschränkt und die Verbote zeitweise auf sehr entfernte Verwandtschaftsgrade ausgeweitet. Augustinus habe dafür argumentiert, dass Ehen außerhalb enger Verwandtschaft größere soziale Bindungen schaffen könnten. [00:14:39–00:15:48]
LaCorte erwähnt außerdem die These des Historikers Jack Goody, wonach die Kirche durch die Schwächung familiärer Erbstrukturen wirtschaftlich profitiert haben könnte. Er stellt jedoch zugleich fest, dass sich die tatsächlichen Motive seiner Ansicht nach nicht eindeutig bestimmen ließen. [00:15:48–00:16:37]
Folgen für gesellschaftliche Strukturen
Zum Ende vertritt LaCorte die These, dass langfristige Einschränkungen von Ehen zwischen Verwandten europäische Gesellschaften dazu gezwungen hätten, Vertrauen und wirtschaftliche Kooperation stärker außerhalb der Großfamilie aufzubauen. Daraus seien unter anderem Partnerschaften mit Nichtverwandten, Zünfte, Unternehmen, Banken und andere Institutionen begünstigt worden. [00:17:42–00:18:12]
Er stellt diesem Modell Gesellschaften gegenüber, in denen wirtschaftliche und soziale Beziehungen stärker über Großfamilien und Clans organisiert blieben. Die unterschiedlichen Heiratsmuster hätten seiner Darstellung zufolge langfristig zur Entwicklung kleinerer Kernfamilien und stärker individualisierter gesellschaftlicher Strukturen in Europa beigetragen. [00:18:12–00:18:53]
Zentrale Aussagen
- LaCorte nennt Pakistan als Land mit besonders hoher Verbreitung von Ehen zwischen Blutsverwandten; etwa zwei Drittel der Ehen seien betroffen. [00:02:11]
- Muslimisch geprägte Länder unterschieden sich erheblich: Für Bangladesch und Indonesien nennt er deutlich niedrigere Werte als für Pakistan. [00:02:30]
- Bei britischen Pakistanern, die in Großbritannien geboren wurden, gingen Cousin- und Cousinen-Ehen nach seinen Angaben um mehr als die Hälfte zurück. [00:03:04]
- Das Risiko von Geburtsfehlern steige bei Kindern von Cousins und Cousinen ersten Grades nach LaCortes Angaben von etwa 2–3 auf 4–6 Prozent. [00:05:53]
- Wiederholte Ehen zwischen Verwandten über mehrere Generationen könnten bestimmte rezessive Erbkrankheiten deutlich häufiger auftreten lassen. [00:06:08]
- LaCorte sieht familiäre Netzwerke, Vermögenssicherung, Landbesitz und Heiratskosten als wichtige Gründe für Cousin- und Cousinen-Ehen in Pakistan. [00:08:07]
- Geschlechtertrennung und arrangierte Ehen begrenzten seiner Darstellung zufolge die Partnerwahl zusätzlich auf das familiäre Umfeld. [00:10:45]
- Sinkende Geburtenraten, Frauenbildung und Urbanisierung verbindet er mit rückläufigen Cousin- und Cousinen-Ehen. [00:11:46]
- Der Islam habe Cousin- und Cousinen-Ehen nach LaCortes Darstellung nicht eingeführt, sie aber auch nicht verboten. [00:13:10]
- Die katholische Kirche habe dagegen seit dem frühen Mittelalter Ehen zwischen Verwandten zunehmend eingeschränkt. [00:14:39]
- LaCorte argumentiert, dass diese unterschiedlichen Heiratsregeln langfristig verschiedene Familien-, Wirtschafts- und Vertrauensstrukturen begünstigt hätten. [00:17:42]
Genannte Personen und Organisationen
- Ken LaCorte
- Mohammed
- Augustinus
- Jack Goody
- Sharif-Familie
- Katholische Kirche
- Kommunistische Partei Chinas
- Elephants in Rooms
- Ground News
Genannte Zahlen und konkrete Angaben
- 55 % der britischen Pakistaner würden laut einer von LaCorte genannten Statistik einen Cousin beziehungsweise eine Cousine ersten Grades heiraten. [00:00:07]
- USA: etwa 2 von 1.000 Ehen zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades. [00:01:40]
- Pakistan: ungefähr zwei Drittel der Ehen zwischen Blutsverwandten. [00:02:11]
- Naher Osten und Nordafrika: etwa 20–50 %. [00:02:11]
- Bangladesch: etwa 17 %. [00:02:37]
- Türkei: etwa 25 %, nach LaCorte fallend. [00:02:42]
- Muslime in Indien: etwa 32 %. [00:02:51]
- Geburtsfehler: Anstieg von ungefähr 2–3 % auf 4–6 % bei Kindern von Cousins und Cousinen ersten Grades. [00:05:53]
- Bradford: britisch-pakistanische Kinder laut LaCorte 3 % der Geburten, aber 30 % der Kinder mit genetischen Erkrankungen. [00:06:41]
- Umfrage 2019: 82 % der pakistanischen Frauen hätten keinen Einfluss auf die Wahl ihres Ehepartners angegeben. [00:11:30]
- Pakistanische Bevölkerung: Verdopplung zwischen 1990 und 2020. [00:12:03]
- Türkei: Geburtenrate laut LaCorte von 4,5 Kindern je Frau 1980 auf 1,5 gesunken. [00:12:25]
- Um 1200 habe die Kirche mehr als ein Viertel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Europas besessen. [00:16:14]
Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente
- Eine nicht näher bezeichnete Statistik zu britischen Pakistanern und Cousin- und Cousinen-Ehen
- Eine nicht näher bezeichnete Umfrage aus dem Jahr 2019 zur Partnerwahl pakistanischer Frauen
- Koran
- Bibel
- Islamische Rechtslehre
- Arbeiten beziehungsweise These des Historikers Jack Goody
- Nicht näher bezeichnete Gesundheits- und Bevölkerungsdaten zu Bradford, Pakistan, Türkei und Bangladesch
Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen
Mehrere im Video genannte Statistiken und Studien werden im gesprochenen Transkript nicht mit vollständigem Titel oder Urheber angegeben. LaCorte verweist darauf, dass Quellen und Skript in der Videobeschreibung verfügbar seien. [00:12:54]