Zusammenfassung
Pauschale Vorstellungen über „die Menschen im Mittelalter“
André kritisiert zunächst die Behauptung, die Menschen im Mittelalter hätten die Erde für eine Scheibe gehalten. Das häufig verwendete Bild eines Menschen, der seinen Kopf durch das Himmelsgewölbe steckt, stamme nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem Jahr 1888. Die Kugelgestalt der Erde sei bekannt gewesen. Als grundsätzlich problematisch bezeichnet er pauschale Sätze darüber, was „die Menschen“ über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren gedacht hätten.
Auch verbreitete Vorstellungen von allgegenwärtigem Aberglauben seien nach seiner Darstellung häufig zeitlich falsch eingeordnet. Der ausgeprägte Hexenglaube sei erst am Ende des Mittelalters aufgekommen. Für die Behauptung, Menschen hätten Gabeln wegen ihrer vermeintlichen Verbindung zum Teufel gefürchtet, sieht er ebenfalls keine Grundlage.
Esskultur und Lebensmittel
André widerspricht dem Bild einer völlig unzivilisierten Tischkultur. Texte, die etwa das Schnäuzen ins Tischtuch oder schlechtes Benehmen bei Tisch beschreiben, seien teilweise satirische „Tischzuchten“ und kein unmittelbarer Bericht über das normale Verhalten. Bildquellen zeigten sowohl höfische Tischkultur als auch zeitgenössische Darstellungen schlechten Benehmens.
Ebenso weist er Erzählungen zurück, Bauernfamilien hätten nur einen einzigen Löffel besessen oder ihren Brei gemeinsam aus einer Tischmulde gegessen. Eine entsprechende Tischform sei ihm lediglich aus dem Alpenraum des 18. Jahrhunderts bekannt.
Auch die Behauptungen über geschmackloses oder vollkommen überwürztes Essen seien widersprüchlich. Gewürze seien zwar teuer gewesen, aber von Menschen verwendet worden, die sie sich leisten konnten. Salz sei regelmäßig benötigt worden und nach Andrés Darstellung nicht durchgehend extrem kostspielig gewesen. Verdorbenes Fleisch durch starke Würzung zu verbergen, hält er schon deshalb für unplausibel, weil dessen Verzehr gefährlich gewesen sei.
Kirche, Verbote und Hygiene
Die Kirche habe das Waschen laut André nicht allgemein verboten. Waschverzicht komme zwar in asketischen Ordensregeln vor, sei dort aber als bewusste Entsagung verstanden worden. Ebenso bezweifelt er, dass Baden oder zahlreiche andere Neuerungen erst durch die Kreuzzüge aus dem Orient nach Europa gelangt seien. Austausch mit muslimisch geprägten Gebieten habe auch unabhängig davon stattgefunden.
Die Kirche habe zeitweise tatsächlich versucht, die Armbrust zu verbieten, dieses Verbot jedoch nicht dauerhaft durchsetzen können. Die Geschichte, kirchliche Katzenverfolgungen hätten über eine Rattenzunahme die Pest verursacht, passe nach seiner Darstellung zeitlich nicht zur Entwicklung des Hexenglaubens. Auch der Buchdruck sei nicht grundsätzlich abgelehnt worden; zu Gutenbergs ersten Adressaten hätten hochrangige Kleriker gehört.
Beim Thema Hygiene richtet sich André gegen Darstellungen von meterhoch verschmutzten Straßen, achtlos entleerten Nachttöpfen und Menschen, die überall ihre Notdurft verrichtet hätten. Es habe keine moderne Kanalisation oder Müllabfuhr gegeben, weshalb bestimmte Orte vermutlich unangenehm gerochen hätten. Zugleich sei ein großer Teil des Abfalls kompostierbar gewesen. Quellen über Beschwerden wegen Gestank und Maßnahmen zur Verbesserung der Luft zeigten seiner Ansicht nach, dass den Menschen Sauberkeit und Gerüche keineswegs gleichgültig gewesen seien.
Als besonders absurde Erzählung nennt er die Behauptung, lebende Hühner oder Gänse seien als Toilettenpapier benutzt worden. Als mögliche Grundlage identifiziert er eine satirische Passage aus „Gargantua und Pantagruel“ aus dem 16. Jahrhundert. Tatsächlich seien unter anderem Moos, Wasser, Leinenreste und Blätter verwendet worden.
Rüstungen, Getränke und Mutterkorn
Rüstungen seien weder grundsätzlich unbeweglich gewesen noch habe man Ritter mit Kränen auf Pferde heben müssen. André verweist auf eigene Bewegungserfahrungen in einer Rüstung und auf Daniel Jaquet, der einen Halbmarathon in Rüstung gelaufen sei. Besonders Harnische des 15. Jahrhunderts beschreibt er als anspruchsvolle technische Leistungen.
Auch die Vorstellung, wegen verschmutzten Wassers hätten alle ausschließlich Bier getrunken und seien ständig betrunken gewesen, weist er zurück. Rund 90 Prozent der Bevölkerung hätten außerhalb der Städte gelebt. In Städten habe es unter anderem Laufbrunnen gegeben. Wasser sei durchaus getrunken worden; leichtes Alltagsbier habe jedoch angenehmer schmecken können als abgestandenes Wasser aus einem Holzeimer.
Mutterkornvergiftungen seien tatsächlich vorgekommen und als Antoniusfeuer bekannt gewesen. Gerade in Hungerzeiten seien sie häufiger aufgetreten. Die schweren körperlichen Folgen sprächen jedoch gegen die These, die gesamte Bevölkerung sei dauerhaft durch Mutterkorn berauscht gewesen.
Kriege, Katastrophen und Alltagsleben
André bestreitet nicht, dass es Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen gab. Er warnt jedoch davor, Ereignisse aus tausend Jahren zu einem permanenten Ausnahmezustand zusammenzufassen. Manche Regionen hätten über Generationen keinen Krieg erlebt. Städte hätten nach schweren Hungersnöten Kornhäuser und Vorräte angelegt, um einzelne Missernten abzufedern. Als außergewöhnlich schwere Katastrophe nennt er das Magdalenenhochwasser von 1342.
Neben Arbeit und Belastungen habe es gemeinschaftliche Aktivitäten, Feste und Tanz gegeben. Feiertage hätten allerdings nicht automatisch vollständige Arbeitsruhe bedeutet, weil Ernte, Viehhaltung und Hausarbeit weiterliefen. Auch Unfreiheit und Leibeigenschaft beschreibt André als von Gewohnheitsrecht und gegenseitigen Pflichten geprägt. Dorfgemeinschaften hätten Grundherren verklagen und dabei erfolgreich sein können.
Technischer Wandel statt tausendjähriger Stillstand
Den Ausdruck „Dark Ages“ und die Vorstellung eines vollständigen technischen Rückfalls nach der Antike lehnt André ab. Nach dem Ende des zentralisierten Römischen Reiches hätten vor allem die Mittel und Arbeitskräfte für Großprojekte gefehlt. Wissen sei nicht automatisch verschwunden, sondern teilweise nicht mehr angewendet worden.
Viele antike Schriften seien im fortlaufenden Auswahl- und Kopierprozess verloren gegangen. Auch der Verlust der Bibliothek von Alexandria sei nach seiner Darstellung kein einzelner Zerstörungsakt gewesen, sondern ein längerer Prozess.
Im Mittelalter habe es unter anderem Fortschritte in Landwirtschaft, Rüstungsbau, Brückenbau und Schiffstechnik gegeben. Der Räderpflug sei stärker verbreitet worden, spätmittelalterliche Harnische hätten antike Rüstungen technisch übertroffen und die europäischen Schiffe um 1500 seien hoch entwickelt gewesen. Die Behauptung, ohne das Mittelalter würde die Menschheit bereits den Mars besiedeln, ignoriere außerdem die parallele Entwicklung anderer Weltregionen.
Zentrale Aussagen
- Das bekannte Bild vom Durchstoßen des Himmelsgewölbes stamme laut André aus dem Jahr 1888 und sei keine mittelalterliche Darstellung. (00:01:13)
- Der ausgeprägte Hexenglaube sei erst gegen Ende des Mittelalters entstanden. (00:02:25)
- Satirische Tischzuchten dürften nicht als direkte Beschreibung der üblichen Esskultur gelesen werden. (00:04:18)
- Gewürze seien teuer, aber dennoch Bestandteil des Speiseplans zahlreicher Menschen gewesen. (00:06:43)
- Waschverzicht in Ordensregeln habe Askese bedeutet und kein allgemeines kirchliches Waschverbot. (00:07:29)
- Die Kirche habe Verbote häufig nicht dauerhaft durchsetzen können. (00:08:50)
- Für meterhoch verdreckte Straßen und überall entleerte Nachttöpfe kenne André keine belastbaren Belege. (00:10:46)
- Die Geschichte von lebenden Gänsen als Toilettenpapier beruhe möglicherweise auf einer satirischen Erzählung des 16. Jahrhunderts. (00:16:21)
- Gut gefertigte Rüstungen hätten Beweglichkeit ermöglicht und seien für den tatsächlichen Kampfeinsatz konstruiert worden. (00:18:01)
- Wasser sei getrunken worden; leichtes Bier habe vor allem geschmackliche Vorteile gegenüber abgestandenem Wasser gehabt. (00:22:04)
- Mutterkornvergiftungen seien real gewesen, aber keine Erklärung für eine dauerhaft berauschte Bevölkerung. (00:23:09)
- Kriege, Hungersnöte und Katastrophen seien nicht überall und nicht durchgehend präsent gewesen. (00:24:37)
- Kornvorräte hätten einzelne Missernten auffangen können; problematisch seien längere Missernteperioden geworden. (00:26:17)
- Gewohnheitsrecht und gegenseitige Verpflichtungen hätten die Forderungen von Grundherren begrenzt. (00:30:58)
- Der Niedergang des Römischen Reiches habe vor allem Dezentralisierung und geringere Möglichkeiten für Großprojekte gebracht. (00:32:45)
- Im Mittelalter seien vorhandenes Wissen weitergegeben und technische Entwicklungen fortgeführt worden. (00:33:26)
- Die Antike habe laut André nicht unmittelbar vor der Industrialisierung gestanden. (00:35:40)
- Folterkammern und Kerker seien entgegen heutigen Burgführungen nicht auf jeder Burg üblich gewesen. (00:39:34)
Genannte Personen und Organisationen
- André, Gastgeber von Geschichtsfenster
- Johannes Gutenberg
- Konrad Witz
- Daniel Jaquet
- Christoph Kolumbus
- Kirche und Klerus
- Antoniusorden
- Römisches Reich
- Schloss Burg in Solingen
- Marksburg
- Aachener Dom
- Speyerer Dom
- Kloster St. Gallen
- Bibliothek von Alexandria
Genannte Zahlen und konkrete Angaben
- Das häufig gezeigte Bild vom Menschen am Himmelsgewölbe wird auf 1888 datiert.
- Das kirchliche Verbot der Armbrust wird dem 12. Jahrhundert zugeordnet.
- Die Pest wird im Zusammenhang mit dem 14. Jahrhundert behandelt.
- Die literarische Gänse-Erzählung stammt laut André aus dem 16. Jahrhundert.
- Rund 90 Prozent der Bevölkerung hätten außerhalb der Städte gelebt.
- Harnische des 15. Jahrhunderts werden als technische Spitzenleistungen bezeichnet.
- Das Magdalenenhochwasser ereignete sich 1342.
- Eine erwähnte Hungersnot sei durch drei aufeinanderfolgende schlechte Erntejahre verschärft worden.
- Um 1500 hätten europäische Seefahrer bereits hoch entwickelte Schiffe verwendet.
- Der behandelte Zeitraum des Mittelalters umfasst in Andrés Argumentation ungefähr tausend Jahre.
Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente
- Mittelalterliche beziehungsweise frühneuzeitliche Tischzuchten, im Transkript als satirische Texte beschrieben
- „Gargantua und Pantagruel“ – als Quelle der Erzählung über junge Gänse genannt
- Klosterplan von St. Gallen
- Bild des Rathauses von Rothenburg ob der Tauber
- Ein Gemälde von Konrad Witz mit einer dargestellten Straßenszene
- Nicht näher bezeichnete Ordensregeln zum asketischen Waschverzicht
- Nicht näher bezeichnete englische Quelle über schmutzige Hausböden
- Nicht näher bezeichnetes Schulbuch mit Aussagen über Galgen und Misthaufen
Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen
- Mehrere Namen und Fachbegriffe sind durch die automatische Transkription entstellt.
- Der genaue Titel der erwähnten Tischzuchten ist nicht sicher verständlich.
- Der Name des in Rüstung gelaufenen Forschers beziehungsweise Sportlers wird im Transkript als „Daniel Jacke“ wiedergegeben; die Schreibweise ist unsicher.
- Einzelne Orts-, Kriegs- und Gebäudebezeichnungen zwischen 00:25:38 und 00:25:53 sind nicht zuverlässig verständlich.
- Die Bezeichnung des antiken technischen Apparats bei 00:36:09 ist unklar.
