Zusammenfassung
Vom Klassenkampf zur Identitätspolitik
Hanno Sauer argumentiert, dass der klassische Klassenbegriff in linken Debatten an Bedeutung verloren habe. Stattdessen seien Kategorien wie Rassismus, Geschlecht, sexuelle Orientierung und andere Identitäten stärker in den Vordergrund gerückt. Einen Einfluss sieht er dabei insbesondere in den USA und in dort entwickelten Konzepten wie Intersektionalität und Standpunktepistemologie. Diese Ansätze hätten aus seiner Sicht einen nachvollziehbaren Kern, könnten aber problematisch werden, wenn Gruppenidentitäten zu stark verhärtet oder essentialisiert würden. 00:05:28–00:13:20
Sauer hält den sozioökonomischen Status dennoch für eine besonders grundlegende Kategorie. Andere Merkmale seien gesellschaftlich vor allem deshalb relevant, weil sie sich auf Einkommen, Chancen oder sozialen Status auswirkten. Der Klassenbegriff sei unter anderem deshalb aus der Mode gekommen, weil er lange stark marxistisch geprägt gewesen sei. 00:09:16–00:10:42
Neue linke Milieus und Bildung als Statusfaktor
Die traditionelle industrielle Arbeiterklasse sei in modernen Wissensgesellschaften kleiner, fragmentierter und politisch schwerer als einheitliche Gruppe ansprechbar geworden. Sauer beschreibt, dass linksprogressive Parteien deshalb zunehmend eine neue Klientel unter gut ausgebildeten und universitär geprägten Menschen gefunden hätten. Unter Verweis auf Forschungen von Thomas Piketty spricht er von einer Verschiebung, bei der hohe Bildung und linke politische Orientierung stärker miteinander verbunden seien. 00:14:06–00:16:45
Mit der Wissensgesellschaft seien außerdem Sprache, Ideen und moralische Positionierungen wichtiger für Statuswettbewerbe geworden. Menschen in akademischen, medialen oder kreativen Berufen verfügten über besondere Routine im Umgang mit neuen Begriffen und Konzepten. Sauer interpretiert Teile des sich ständig wandelnden politischen Vokabulars deshalb auch als Mittel sozialer Distinktion: Wer den aktuellen Sprachgebrauch kenne und die „fein kalibrierte“ moralische Sensibilität demonstriere, könne damit Zugehörigkeit signalisieren. Menschen außerhalb dieser Milieus könnten sich dadurch herablassend behandelt oder ausgeschlossen fühlen. 00:20:28–00:23:48
Für die politische Linke wäre nach Sauers Einschätzung eine geringere Herablassung gegenüber Menschen außerhalb akademisch-progressiver Milieus möglicherweise strategisch erfolgreicher gewesen. Innerhalb sozialer Bewegungen hätten Einzelne zudem einen Anreiz, den eigenen Status in der Gruppe zu verbessern, selbst wenn das der politischen Bewegung insgesamt nicht nütze. 00:24:34–00:26:17
Liberalismus und politische Macht
Sauer bezeichnet sich politisch als eher heimatlos, mit liberalen, linken und teilweise konservativen Instinkten. Dem klassischen Liberalismus schreibt er einen strukturellen Nachteil zu: Wer hauptsächlich fordere, Individuen in Ruhe zu lassen und staatliche Eingriffe zu begrenzen, habe weniger Motivation, politische Machtpositionen zu besetzen als Akteure, die Gesellschaft aktiv gestalten wollten. 00:27:00–00:29:38
Er hält Meinungsfreiheit, Eigentum, Bürgerrechte und Abwehrrechte gegenüber dem Staat für zentrale liberale Institutionen. Gleichzeitig betont er, dass Liberalismus auf bereits bestehende Ungerechtigkeiten treffen könne und deshalb nicht automatisch jede historische Ungleichheit beseitige. 00:29:50–00:31:04
Klasse als Statuswettbewerb
Sauer beschreibt Klasse nicht nur als Frage von Einkommen und Vermögen. Moral, Sprache, Geschmack, Bildung und Lebensstil könnten ebenfalls soziale Hierarchien erzeugen. Als Beispiel behandelt das Gespräch kulturelle Vorlieben. Angehörige höherer sozialer Schichten hätten früher stärker ausschließlich sogenannte Hochkultur konsumiert. Heute seien kulturelle Eliten laut Sauer eher „omnivor“: Sie könnten Popmusik, Rap oder Fernsehserien konsumieren, unterschieden aber innerhalb dieser Genres wiederum zwischen prestigeträchtigen und weniger angesehenen Angeboten. 00:38:35–00:42:09
Diese Mechanismen bezeichnet Sauer als sozial konstruierte Knappheit. Status entstehe dadurch, dass nicht jeder dieselben kulturellen Kenntnisse, Lebensstile, Wohnorte, Freizeitmöglichkeiten oder Zugänge besitze. Solche relativen Rangordnungen könnten stabile soziale Gruppen hervorbringen, die über Generationen fortbestünden. 00:42:14–00:43:36
Erstaunlich stabile soziale Hierarchien
Sauer verweist auf Studien, bei denen anhand von Familiennamen soziale Positionen über viele Generationen untersucht worden seien. Für Florenz beschreibt er Daten, nach denen sich Zusammenhänge zwischen der sozialen Position von Familien im Jahr 1472 und 2015 noch statistisch erkennen ließen. Für ihn zeigt dies, wie widerstandsfähig soziale Hierarchien gegenüber historischen Umbrüchen seien. Als mögliche Übertragungsmechanismen nennt er Vermögen, Partnerwahl, Wohnort, Fähigkeiten und kulturelle Kompetenzen. 00:44:02–00:46:43
Umverteilung und ihre Grenzen
Sauer spricht sich nicht grundsätzlich gegen wirtschaftliche Umverteilung aus. Er nennt Erbschaft-, Vermögen- und Einkommensteuer, soziale Sicherungssysteme, öffentliche Infrastruktur und ein soziales Minimum als legitime politische Fragen. Er bezweifelt allerdings, dass wirtschaftliche Umverteilung soziale Hierarchien grundsätzlich auflösen könne. Selbst wenn das Vermögen eines Milliardärs drastisch reduziert werde, blieben Status- und Machtunterschiede bestehen oder verlagerten sich auf politische, kulturelle oder andere Bereiche. 00:47:21–00:50:56
Zugleich warnt Sauer davor, dem Staat unbegrenzt zusätzliche Macht zu übertragen. Er verweist auf den von ihm so bezeichneten „Tony-Soprano-Test“: Bei staatlichen Eingriffen solle man berücksichtigen, dass staatliche Akteure ebenfalls unvollkommen seien. 00:53:17–00:54:32
Sauer argumentiert außerdem, dass liberale Demokratien mit relativ hoher wirtschaftlicher Ungleichheit zugleich häufig zu den Gesellschaften gehörten, in denen Menschen unter einem angenommenen „Schleier des Nichtwissens“ leben wollten. Daraus folgert er, dass wirtschaftliche Ungleichheit möglicherweise Teil eines Institutionenpakets sei, das zugleich Freiheit, Wohlstand und vergleichsweise hohe soziale Sicherheit ermögliche. 00:54:38–00:56:15
Sozialer Aufstieg verändert den Habitus nicht sofort
Bei sozialem Aufstieg unterscheidet Sauer zwischen wirtschaftlichem Erfolg und kultureller Zugehörigkeit. Menschen könnten innerhalb einer Generation wirtschaftlich aufsteigen, ohne sich sofort selbstverständlich in der neuen sozialen Umgebung bewegen zu können. Er verweist auf Pierre Bourdieus Begriff des Habitus: Sprache, Auftreten, Geschmack, kulturelle Kenntnisse und Selbstsicherheit würden langfristig erworben. Daher versuchten Aufsteiger häufig, ihren Kindern über Privatschulen, Musikunterricht oder andere kulturelle Praktiken genau diese Selbstverständlichkeit zu vermitteln. 00:57:09–00:59:52
Mit Thorstein Veblen erklärt Sauer zudem, warum Tätigkeiten wie Segeln, Reiten, Jagen oder Polo weiterhin mit gesellschaftlichen Eliten verbunden seien. Diese Lebensstile knüpften teilweise an historische aristokratische Praktiken an und seien zugleich aufgrund ihrer Kosten exklusiv. 01:00:45–01:02:49
Warum Sauer keine Auflösung der Klassen erwartet
Sauer beschreibt die pessimistische Grundthese seines Buches bewusst als Gegenposition zu politischen Konzepten, die nach einer Analyse sozialer Ungleichheit umfangreiche Lösungsvorschläge präsentieren. Er hält Klassenunterschiede und Klassismus für Ungerechtigkeiten, bezweifelt jedoch, dass die zugrunde liegenden Statusmechanismen beseitigt werden könnten. Formelle Hierarchien wie Adel oder Kastensysteme könnten abgeschafft werden, informelle Prestige- und Statushierarchien entstünden jedoch in sehr unterschiedlichen Gesellschaftssystemen immer wieder neu. 01:03:21–01:07:56
Mit zunehmendem materiellem Wohlstand würden immaterielle Statusvergleiche nach Sauers Einschätzung sogar wichtiger. Plattformen wie Instagram verstärkten diese Entwicklung, indem sie Einkommen, Lebensstil, Reisen, Wohnformen und Followerzahlen permanent vergleichbar machten. Dadurch könnten Statusängste und die Furcht vor relativem Abstieg auch auf hohem materiellem Niveau bestehen bleiben. 01:08:51–01:11:00
Zentrale Aussagen
- Sauer hält den sozioökonomischen Status für grundlegender als viele andere Identitätskategorien. 00:09:16
- Die klassische Arbeiterklasse sei in Wissensgesellschaften kleiner und fragmentierter geworden; linke Parteien hätten stärker akademisch gebildete Milieus erschlossen. 00:14:06–00:16:45
- Neue Begriffe, moralische Sensibilität und sprachliche Codes könnten als soziale Statussignale dienen. 00:20:28–00:23:48
- Eine geringere Herablassung gegenüber Menschen außerhalb progressiver Milieus wäre laut Sauer politisch möglicherweise erfolgreicher gewesen. 00:24:34–00:25:04
- Liberalismus habe einen strukturellen politischen Nachteil, weil seine Anhänger eher für weniger Eingriffe und weniger politische Steuerung einträten. 00:27:00–00:29:38
- Moderne kulturelle Eliten konsumierten breitere Genres, unterschieden innerhalb dieser Genres aber weiterhin stark nach Prestige. 00:38:35–00:42:09
- Sauer definiert Klasse als Ergebnis von Statuswettbewerben und „sozial konstruierter Knappheit“. 00:42:14–00:43:36
- Studien zu Florentiner Familien deuteten für Sauer darauf hin, dass soziale Positionen über viele Generationen erstaunlich stabil bleiben könnten. 00:44:02–00:46:43
- Wirtschaftliche Umverteilung könne sinnvoll sein, löse nach seiner Einschätzung aber Status- und Machtunterschiede nicht grundsätzlich auf. 00:47:21–00:50:56
- Bei sozialem Aufstieg könnten Einkommen und berufliche Position schneller wechseln als Habitus und kulturelle Zugehörigkeit. 00:57:09–00:59:52
- Informelle Statushierarchien ließen sich nach Sauers These nicht dauerhaft abschaffen, sondern veränderten ihre Form. 01:03:57–01:07:56
- Mit steigendem materiellen Wohlstand könnten symbolische Statusvergleiche an Bedeutung gewinnen; soziale Medien verstärkten diesen Mechanismus. 01:08:51–01:11:00
Genannte Personen und Organisationen
- Hanno Sauer
- J. D. Vance
- Didier Eribon
- Thomas Piketty
- Kimberlé Crenshaw
- Karl Marx
- Otto von Bismarck
- Pierre Bourdieu
- Thorstein Veblen
- Elon Musk
- John „Rolls“ – so im Transkript genannt
- Tony Soprano
- Harvey Weinstein
- Helene Fischer
- Kendrick Lamar
- Dendemann
- Kim Jong Un
- SPD
- Bündnis 90/Die Grünen
- CSU
- taz
- The New York Times
- Universität Utrecht
- based.
Genannte Zahlen und konkrete Angaben
- Sauer nennt einen Buchvorschuss von 160.000 Euro. 00:02:25–00:02:51
- Die politische Neuorientierung der Linken wird als Entwicklung der vergangenen 10, 20 beziehungsweise 30 Jahre beschrieben. 00:16:14
- Sauer beschreibt längerfristig eine Entwicklung über etwa 50 Jahre. 00:16:39
- Eine Florenz-Studie vergleiche Familienpositionen von 1472 bis 2015, also über ungefähr 20 Generationen. 00:44:20–00:45:16
- Als Gedankenexperiment nennt Sauer eine Reduktion eines Vermögens von 10 Milliarden auf 100 Millionen. 00:48:03–00:49:05
- Thorstein Veblens genanntes Buch erschien laut Sauer 1899. 01:00:45–01:01:05
- Instagram-Beispiel: Sauer nennt exemplarisch ein Einkommen von 200.000 Euro. 01:10:36–01:10:48
Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente
- Hanno Sauer: „Moral – Die Erfindung von Gut und Böse“
- Hanno Sauer: „Klasse“, im Gespräch mit dem Untertitel beziehungsweise Thema „wie es zu oben und unten kommt“
- J. D. Vance: ein autobiografisches Buch über seine Herkunft; der Titel wird im Transkript nicht eindeutig wiedergegeben
- Forschungen von Thomas Piketty und Kollegen zur politischen und sozialen Verschiebung zwischen Bildung, Vermögen und Wahlverhalten
- Studien über soziale Mobilität anhand von Familiennamen in Florenz
- vergleichbare Langzeitstudien aus England
- Thorstein Veblen: „Theorie der feinen Leute“, laut Sauer von 1899
- Pierre Bourdieus Konzept des Habitus
- das Konzept des Schleiers des Nichtwissens, im Transkript „John Rolls“ zugeschrieben
- Konzepte der Intersektionalität und Standpunktepistemologie
Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen
Im automatisch erzeugten Transkript sind mehrere Eigennamen und einzelne Fachbegriffe erkennbar fehlerhaft wiedergegeben. Besonders der beim „Schleier des Nichtwissens“ genannte Name „John Rolls“ sowie einige Namen im kulturbezogenen Gesprächsteil sind nicht sicher aus dem Transkript rekonstruierbar und wurden deshalb nicht eigenständig korrigiert.
