Interview

Gerd Reuther bei Michael Meyen über Geschichtsschreibung, antike Mythen und institutionelle Macht

(geschätzte Lesezeit:

6

Minuten)

Originaltitel:

Geschichte erfunden? Kirche, Mythen & Macht – Gerd Reuther bei Michael Meyen

Veröffentlicht am:

15. September 2025

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Dauer:

1:07:32

Kurzbeschreibung

Michael Meyen spricht mit dem Mediziner und Autor Gerd Reuther über dessen Zweifel an etablierten historischen Erzählungen. Im Mittelpunkt stehen antike Persönlichkeiten und Texte, die Entstehung historischer Narrative in der Renaissance, die Rolle der katholischen Kirche und der Universitäten sowie Reuthers Forderung, überlieferte Darstellungen grundsätzlich zu hinterfragen.

Zusammenfassung

Geschichte als Instrument gesellschaftlicher Steuerung

Gerd Reuther argumentiert, dass historische Erzählungen nicht nur der Beschreibung der Vergangenheit dienten, sondern auch beeinflussten, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Menschen in der Gegenwart akzeptierten. Bekannte Erzählungen erzeugten nach seiner Auffassung eine vermeintlich kollektive Erinnerung, auf die bei späteren Ereignissen zurückgegriffen werden könne. Als Beispiel nennt er die Bezugnahme auf die sogenannte Spanische Grippe während der Corona-Zeit. [00:02:13]

Seine Beschäftigung mit grundsätzlichen Fragen der Geschichtsschreibung habe mit der Medizingeschichte begonnen. Bei der Recherche zu Hippokrates sei er zu der Auffassung gelangt, dass dessen Existenz nicht ausreichend belegt sei. Auch der hippokratische Eid könne Reuther zufolge nicht aus der griechischen Antike stammen, da er erst im frühen 16. Jahrhundert aufgetaucht sei und Vorschriften enthalte, die er dem kirchlich geprägten Mittelalter zuordnet. [00:05:20]

Quellenlage und Datierung

Reuther beschreibt seine Arbeitsweise als Plausibilitätsprüfung. Aussagen dürften einander nicht widersprechen und keine Elemente enthalten, die seiner Ansicht nach zeitlich nicht in die behauptete Epoche passten. Er arbeite mit digitalisierten alten Büchern, Literaturverzeichnissen, historischen Abbildungen und schwer zugänglichen Veröffentlichungen. [00:08:06]

Für die Zeit vor dem Jahr 1000 sieht Reuther erhebliche Quellenprobleme. Viele angeblich ältere Texte lägen lediglich als spätere Abschriften, Übersetzungen oder Neubearbeitungen vor. Auffällig sei für ihn, dass die jeweiligen Originale nach der Anfertigung der Abschriften regelmäßig verloren gegangen sein sollen. [00:11:28]

Auch naturwissenschaftliche Datierungsmethoden betrachtet er skeptisch. Bei Baumringchronologien und Radiokarbondatierungen gebe es nach seiner Darstellung zahlreiche Voraussetzungen und Unsicherheiten. Er folgert daraus, dass für weit zurückliegende Epochen keine durchgehend gesicherte Chronologie existiere. [00:13:15]

Antike als Konstruktion der Renaissance

Am Beispiel Trojas erklärt Reuther, dass er weder den Trojanischen Krieg noch die ihm zugeschriebenen Personen und Ereignisse für ausreichend belegt hält. Die Ausgrabungen Heinrich Schliemanns und die Zuordnung einzelner Fundschichten bewertet er als widersprüchlich. [00:15:57]

Reuther vertritt die These, dass zahlreiche antike Texte und Persönlichkeiten erst während der Renaissance geschaffen oder neu ausgestaltet worden seien. Damals habe es immer mehr ausgebildete Akademiker gegeben, die im Dienst der Kirche oder weltlicher Herrscher standen. Gleichzeitig seien neue Gedanken gefährlich gewesen, wenn sie kirchlichen Vorstellungen widersprachen. Eine angeblich antike Autorität habe Autoren ermöglicht, neue Ideen zu verbreiten, ohne sie als eigene Gedanken ausgeben zu müssen. [00:20:14]

Rom und Griechenland hätten sich dafür besonders angeboten: Rom wegen der Verbindung zur katholischen Kirche und Griechenland als vermeintlich noch ältere kulturelle Grundlage. Reuther deutet deshalb Philosophen wie Aristoteles und Platon sowie Berichte über die antike Demokratie als Schöpfungen oder Bearbeitungen aus einer wesentlich späteren Zeit. [00:23:00] [00:31:42]

Limes und Teutoburger Wald

Reuther erklärt, der sogenannte Limes sei erst Ende des 19. Jahrhunderts als römische Grenze interpretiert worden. Zuvor seien die betreffenden Strukturen unter anderen Bezeichnungen bekannt gewesen und teilweise als Wege verstanden worden. Er sieht darin keinen einheitlichen römischen Grenzwall, sondern eine spätere Zusammenfügung unterschiedlicher Wege und Mauerreste. [00:25:37]

Auch die Schlacht im Teutoburger Wald stellt er infrage. Der Name „Teutoburger Wald“ sei erst im 17. Jahrhundert verwendet worden; die Region habe zuvor Osning geheißen. Reuther bringt die Erzählung mit einem päpstlichen Schreiber des 15. Jahrhunderts in Verbindung, der zahlreiche angeblich antike Texte gefunden haben soll. Dieser habe möglicherweise eine damalige Teutoburg bei Konstanz als Vorlage genutzt. [00:27:44]

Bildungssystem, Wissenschaft und Konformität

Reuther beschreibt Historiker und andere Akademiker als abhängig von herrschenden Institutionen. Lange Ausbildungswege, Karriereerwartungen und Spezialisierung erschwerten es seiner Ansicht nach, grundlegende Lehrmeinungen infrage zu stellen. Universitäten seien ursprünglich kirchliche Einrichtungen gewesen; später hätten andere finanzstarke und politische Akteure Einfluss auf die Wissenschaft übernommen. [00:42:08] [00:46:45]

Als Gegenmodell fordert er eine stärkere Verbindung von Theorie und Praxis sowie eine interdisziplinäre Prüfung wissenschaftlicher Arbeiten. Vertreter anderer Fachgebiete könnten Fragen stellen, die innerhalb hoch spezialisierter Disziplinen nicht mehr gestellt würden. Jungen Menschen empfiehlt er, zunächst einen handwerklichen oder praktischen Beruf zu erlernen, um weniger von akademischen Institutionen abhängig zu sein. [00:49:28] [00:52:37]

Wahrheit, gesellschaftlicher Druck und Kooperation

Reuther argumentiert, autoritär organisierte Gesellschaften seien auf gemeinsame Erzählungen angewiesen, deren Akzeptanz zugleich als Zeichen von Unterordnung diene. Hoffnung sieht er darin, dass Menschen ihren Zweifeln öffentlich Ausdruck verleihen und Schweigen nicht länger als Zustimmung erscheinen lassen. [00:55:02] [00:57:48]

Als persönliche Leitlinie nennt er eine Erziehung zur Wahrhaftigkeit. Rückblickend hätte er nach eigener Aussage möglicherweise zunächst einen handwerklichen oder sozialen Beruf gewählt. Seine gewünschte Gesellschaft beschreibt er als kooperativ: Menschen sollten sich nicht vorwiegend als Konkurrenten betrachten, sondern einander praktisch unterstützen. [01:00:33] [01:03:16]

Zentrale Aussagen

  • Reuther argumentiert, dass gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen durch Erzählungen über die Vergangenheit beeinflusst würden. [00:02:13]
  • Er hält die historische Existenz von Hippokrates für nicht ausreichend belegt. [00:05:20]
  • Der hippokratische Eid sei seiner Darstellung zufolge erstmals 1518 nachweisbar. [00:06:13]
  • Für die Zeit vor dem Jahr 1000 sieht Reuther nur eine sehr begrenzte schriftliche Quellenlage. [00:11:28]
  • Viele angeblich antike Texte seien nur in späteren Abschriften oder Bearbeitungen überliefert. [00:12:03]
  • Reuther bezweifelt eine eindeutige Datierung zahlreicher Bodenfunde. [00:13:15]
  • Für den Trojanischen Krieg sieht er keine ausreichenden schriftlichen oder archäologischen Belege. [00:15:57]
  • Zahlreiche antike Autoritäten seien seiner These zufolge in der Renaissance geschaffen oder ausgestaltet worden. [00:20:14]
  • Antike Autoritäten hätten Autoren erlaubt, neue Gedanken als überliefertes Wissen auszugeben. [00:23:34]
  • Den Limes interpretiert Reuther als spätere Zusammenfassung verschiedener Wege und Mauerreste. [00:25:37]
  • Die Erzählung vom Teutoburger Wald führt er auf Texte aus dem 15. Jahrhundert zurück. [00:27:44]
  • Die moderne Wirkung antiker Philosophen erklärt er mit einer wesentlich späteren Entstehungszeit ihrer Texte. [00:31:42]
  • Akademische Institutionen förderten nach Reuthers Ansicht die Anpassung an etablierte Narrative. [00:42:08]
  • Er fordert interdisziplinäre Zusammenarbeit und mehr praktische Erfahrung in der Wissenschaft. [00:49:28]
  • Jungen Menschen empfiehlt er eine handwerkliche oder praxisorientierte Ausbildung. [00:52:37]
  • Autoritäre Systeme benötigten nach seiner Darstellung gesellschaftlich verbindliche Lügen. [00:56:17]
  • Schweigen werde als Zustimmung interpretiert; deshalb sollten Zweifel öffentlich ausgesprochen werden. [00:57:48]
  • Als gesellschaftliches Ziel beschreibt er Kooperation statt Konkurrenz und gegenseitiger Kontrolle. [01:03:16]

Genannte Personen und Organisationen

  • Gerd Reuther
  • Michael Meyen
  • Renate Reuther
  • Hippokrates
  • Claudius Galenos
  • George Orwell
  • Heinrich Schliemann
  • Aristoteles
  • Platon
  • Herodot
  • Tacitus
  • Galileo Galilei
  • Giordano Bruno
  • Poggio Bracciolini – Namensform im Transkript teilweise unklar
  • Abraham a Sancta Clara
  • Michael Palmer
  • Harald Walach
  • Thomas Gold
  • René Descartes
  • Jean Hardouin – Namensform im Transkript teilweise unklar
  • katholische Kirche
  • Vatikan
  • Universität Wien
  • Universität Münster
  • Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Pariser Nationalbibliothek
  • DDR
  • Sowjetunion

Genannte Zahlen und konkrete Angaben

  • Reuther habe seine ärztliche Tätigkeit im Alter von 55 Jahren beendet. [00:01:03]
  • Der hippokratische Eid sei erstmals 1518 aufgetaucht. [00:06:13]
  • Die ältesten Dokumente im Vatikan stammten Reuther zufolge aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. [00:11:35]
  • Der Trojanische Krieg werde ungefähr auf 1100 vor der heutigen Zeitrechnung datiert. [00:17:18]
  • Universitäten seien ab dem 13. Jahrhundert gegründet worden. [00:20:46]
  • Der Limes sei ungefähr seit 1895 als römische Nordgrenze bezeichnet worden. [00:26:07]
  • Der Teutoburger Wald habe diese Bezeichnung erst seit dem 17. Jahrhundert. [00:28:08]
  • Eine damalige Teutoburg habe etwa 20 Kilometer von Konstanz entfernt gelegen. [00:30:28]
  • Von Galenos’ Werk seien der Darstellung zufolge ungefähr zehn Prozent erhalten. [00:36:05]
  • Mehr als 50 Prozent eines heutigen Altersjahrgangs gingen laut Meyen auf eine Hochschule; in den 1960er-Jahren seien es etwa fünf Prozent und in den 1980er-Jahren ungefähr 20 Prozent gewesen. [00:52:13]
  • Die DDR habe rund 40 Jahre, die Sowjetunion ungefähr 70 Jahre bestanden. [00:59:34]

Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente

  • „Tatort Vergangenheit“ von Gerd Reuther
  • „Der betrogene Patient“ von Gerd Reuther
  • „Heilung Nebensache“ von Gerd Reuther
  • „Die Kunst, möglichst lange zu leben“ von Gerd Reuther
  • „Hauptsache Panik“ von Gerd und Renate Reuther
  • „Wer schweigt, hat schon verloren“ von Gerd und Renate Reuther
  • „1984“ von George Orwell
  • hippokratischer Eid
  • Tacitus’ Schrift über Germanien
  • Buch von Michael Palmer über die Atombombenabwürfe – Titel wird nicht genannt
  • Studie Michael Meyens zum kollektiven Gedächtnis der DDR
  • Schriften von René Descartes
  • Schriften von Jean Hardouin

Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen

  • Mehrere Eigennamen sind im Transkript phonetisch oder fehlerhaft wiedergegeben, insbesondere Poggio Bracciolini und Jean Hardouin.
  • Der genaue Titel des erwähnten Buches von Michael Palmer wird nicht genannt.
  • Einzelne Angaben zu Radiokarbondatierung, Jahreszahlen und historischen Begriffen sind aufgrund von Transkriptionsfehlern sprachlich nicht eindeutig.

Transparenzhinweis: Diese Zusammenfassung verdichtet ausschließlich die im Video geäußerten Inhalte. Sie enthält keine inhaltliche Bewertung oder externe Faktenprüfung. Aussagen in der Zusammenfassung sind den jeweiligen Sprechern zuzurechnen und nicht als redaktionelle Position der Plattform zu verstehen. Näheres zur Arbeitsweise finden Sie hier.

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