Vortrag

Dr. Roman Töppel über Hitlers „Mein Kampf“ und die kritische Edition

(geschätzte Lesezeit:

8

Minuten)

Originaltitel:

Hitlers „Mein Kampf“ – die kritische Edition - VORTRAG | Dr. Roman Töppel in Seelow

Veröffentlicht am:

19. September 2021

Person:

Dauer:

1:33:41

Kurzbeschreibung

Der Historiker Dr. Roman Töppel erläutert die Entstehung, Verbreitung und Bedeutung von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ sowie die Arbeit an der kritisch kommentierten Edition des Instituts für Zeitgeschichte. Er spricht über Hitlers Haft in Landsberg, die politischen Funktionen des Buches, seine zentralen ideologischen Elemente, die Rezeption vor und nach 1945 und die Methoden, mit denen das Editionsteam Hitlers Text kommentierte und kontextualisierte.

Zusammenfassung

Entstehung und Funktion von „Mein Kampf“

Töppel beschreibt „Mein Kampf“ zunächst als ein Buch, das später zu einem zentralen Symbol des Nationalsozialismus wurde, bei seiner Entstehung jedoch zunächst ein Produkt des rechtsradikalen Milieus der Weimarer Republik gewesen sei. Stil und Gedankenwelt seien keineswegs in jeder Hinsicht einzigartig gewesen; vergleichbare Positionen hätten auch andere völkische und rechtsradikale Autoren vertreten.

Hitler begann mit dem ersten Band während seiner Haft nach dem gescheiterten Putsch vom November 1923. Töppel betont, dass Hitler den Text entgegen einer verbreiteten Darstellung nicht Rudolf Heß diktiert, sondern auf einer tragbaren Schreibmaschine selbst geschrieben habe. Teile habe er seinen Mitgefangenen und besonders Heß vorgelesen, um ihre Wirkung zu testen. Daraus sei vermutlich die spätere Diktat-Legende entstanden. [00:07:27–00:13:44]

Die Haft habe Hitler nach Töppels Darstellung zugleich Gelegenheit gegeben, seine bisher eher unsystematischen Vorstellungen zu ordnen. Hitler selbst habe später erklärt, während dieser Monate bei vielen Fragen erst zu begrifflicher Klarheit gelangt zu sein. Daneben hatte das Buch eine finanzielle Funktion: Hitler hatte Schulden und erwartete Einnahmen aus dem Verkauf. [00:13:50–00:15:14]

Töppel fasst die politische Funktion der beiden ursprünglichen Bände vereinfacht zusammen: Der erste Band vermittle die Botschaft „Ich bin der Führer“, während der zweite Band stärker das politische Programm und die Richtung der Bewegung festlege. Hitler habe damit auch auf innerparteiliche Konkurrenten und Richtungsstreitigkeiten reagiert. Besonders der sogenannte linke Flügel der NSDAP um Gregor und Otto Strasser sowie zeitweise Joseph Goebbels habe etwa in der Außenpolitik und beim Verhältnis zur Sowjetunion andere Positionen vertreten. [00:17:03–00:22:45]

Zentrale Bestandteile von Hitlers Weltanschauung

Das Editionsteam habe vier zentrale Elemente herausgearbeitet: Rassismus und Judenhass, die Forderung nach einem Krieg um „Lebensraum im Osten“, die Forderung nach einer Diktatur sowie die ausdrückliche Legitimation von Gewalt. Töppel zufolge beschreibt Hitler in „Mein Kampf“ Gewalt zunächst als Instrument zur inneren Herstellung einer rassisch definierten „Volksgemeinschaft“ und anschließend als Mittel der Expansion nach außen. [00:25:33–00:27:42]

Töppel betont zugleich, dass Hitler das Buch ursprünglich ausdrücklich für Anhänger und Sympathisanten der Bewegung geschrieben habe. Später habe er offenbar bedauert, sich darin politisch so weitgehend festgelegt zu haben, weil ausländische Journalisten ihn als Reichskanzler mit Aussagen aus dem Buch konfrontieren konnten. [00:29:23–00:30:52]

Auflagen, Verkauf und tatsächliche Lektüre

„Mein Kampf“ sei schon vor 1933 ein Verkaufserfolg gewesen. Töppel nennt mehr als 250.000 verkaufte Exemplare vor Hitlers Machtübernahme. Weil die ursprüngliche zweibändige Ausgabe teuer gewesen sei, sei 1930 eine günstigere einbändige „Volksausgabe“ erschienen und später zusätzlich eine noch billigere kartonierte Fassung. [00:22:53–00:25:20]

Nach 1933 seien mehr als zwölf Millionen Exemplare gedruckt worden. Hitler habe nach Töppels Schätzung ungefähr eine Reichsmark pro Band verdient und sei allein dadurch vielfacher Millionär geworden. Es habe besondere Ausgaben für Hochzeiten, Beamte und Soldaten gegeben. Töppel korrigiert dabei die Vorstellung, jedes deutsche Hochzeitspaar habe automatisch eine Ausgabe erhalten: Die Verteilung sei von den Kommunen abhängig gewesen, und zahlreiche Städte hätten sich aus Kostengründen dagegen entschieden. [00:30:58–00:34:30]

Auch die Behauptung, kaum jemand habe das Buch gelesen, weist Töppel zurück. Er verweist auf Ausleihdaten von Bibliotheken sowie eine amerikanische Befragung kurz nach Kriegsende. Dort hätten 23 Prozent angegeben, „Mein Kampf“ zumindest teilweise gelesen zu haben; sieben Prozent hätten erklärt, das gesamte Buch gelesen zu haben. Daraus lasse sich nach Töppel jedenfalls nicht ableiten, der Inhalt sei der Bevölkerung völlig unbekannt gewesen. [00:36:01–00:39:02]

Warum eine kritische Edition entstand

Nach 1945 sei „Mein Kampf“ in der Bundesrepublik nicht generell verboten gewesen. Originalausgaben durften besessen, antiquarisch verkauft und in Bibliotheken gelesen werden. Verhindert worden sei vor allem der Neudruck über das beim Freistaat Bayern liegende Urheberrecht. Dieses lief mit dem Ende des Jahres 2015, 70 Jahre nach Hitlers Tod, aus. [00:24:27–00:24:49; 00:45:36–00:46:53]

Mit Blick auf dieses Auslaufen entstand die Sorge, dass ab 2016 unkommentierte oder von rechtsextremen Verlagen herausgebrachte Neuausgaben erscheinen könnten. Daraus entwickelte sich das Projekt des Instituts für Zeitgeschichte. Töppel beschreibt als Ziel nicht nur eine wissenschaftliche Edition, sondern auch die Dekonstruktion des Symbolcharakters von „Mein Kampf“. [00:46:53–00:48:56]

Das Team bestand aus vier Herausgebern, weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern und Hilfskräften. Hinzu kamen externe Fachleute unter anderem aus Kunstgeschichte, Pädagogik, Evolutionsbiologie, Anthropologie, Soziologie, Wirtschaftsgeschichte, Holocaustforschung, Judaistik, Japanologie sowie Psychologie und Sozialpsychologie. Diese sollten Aussagen Hitlers jeweils aus den entsprechenden Fachgebieten einordnen. [00:50:51–00:55:30]

Aufbau und Kommentierung der Edition

Für die Edition wurde der Text der Erstausgabe neu gesetzt, aber Seitenaufbau, Seitenzahlen und Kopfzeilen wurden so weit wie möglich gespiegelt. Töppel erklärt, dass spätere Ausgaben sprachlich geglättet worden seien. Ein systematischer Vergleich mit mehreren späteren Auflagen habe rund 2.500 Änderungen ergeben, die nach seiner Darstellung jedoch fast ausschließlich stilistischer Natur seien. Inhaltlich sei das Buch kaum verändert worden. [00:56:23–00:59:36]

Die Kommentare sollten unter anderem sachliche Fehler korrigieren, Hitlers autobiografische Selbstdarstellung überprüfen, Quellen und ideengeschichtliche Vorläufer identifizieren, zeitgenössische Begriffe erklären, den historischen Kontext rekonstruieren und einseitige Darstellungen ergänzen. Zudem habe das Team Aussagen aus „Mein Kampf“ mit der späteren Politik zwischen 1933 und 1945 verglichen. Weil zu manchen Detailfragen kaum Forschung existierte, habe das Team auch selbst Archivarbeit leisten müssen. [01:00:20–01:09:02]

Die zweibändige Edition wurde laut Töppel unerwartet stark nachgefragt. Bereits vor Erscheinen habe es rund 15.000 Vorbestellungen gegeben; später seien sechsstellige Verkaufszahlen erreicht worden. Töppel hebt besonders die Nutzung durch Lehrer, Studierende und politische Bildungsarbeit hervor. [01:09:02–01:11:39]

Beispiel für Hitlers propagandistische Methode

Im letzten Teil analysiert Töppel eine längere Passage, in der Hitler schildert, wie er angeblich während seiner Wiener Jahre zum Antisemiten geworden sei. Töppel argumentiert, diese autobiografische Erzählung entspreche nicht der tatsächlichen Entwicklung. Hitler habe in Wien nach dem Forschungsstand auch positive persönliche Kontakte zu Juden gehabt und sei erst nach dem Ersten Weltkrieg zum radikalen Rassenantisemiten geworden. [01:12:48–01:24:41]

An dem Text demonstriert Töppel mehrere propagandistische Techniken: Hitler stelle seinen ideologischen Wandel als Ergebnis eines langen inneren Ringens dar, suche aber von Anfang an gezielt antisemitische Literatur. Er benutze starke Ekel-, Krankheits- und Bedrohungsmetaphern und verbinde diese mit pauschalen Aussagen über Juden. Zudem führt Töppel Beispiele an, bei denen das Editionsteam konkrete Behauptungen überprüfte und nach seiner Darstellung als sachlich falsch oder stark verzerrt bewertete. [01:24:52–01:31:10]

Besonders wichtig sei der rassistische Antisemitismus, weil darin Eigenschaften als biologisch unveränderlich dargestellt würden. Dadurch unterscheide er sich nach Töppel etwa von religiösem Antijudaismus oder politisch und wirtschaftlich begründeten Formen des Antisemitismus. [01:29:04–01:31:02]

Zum Abschluss warnt Töppel davor, Hitlers Texte lediglich durch besonders absurde oder stilistisch misslungene Passagen lächerlich zu machen. Dadurch entstehe ein verzerrtes Bild davon, weshalb Hitler von Zeitgenossen teilweise für intelligent und überzeugend gehalten worden sei. Seine abschließende Überlegung richtet sich auf Verschwörungstheorien: Deren Anhängerschaft lasse sich seiner Ansicht nach nicht einfach mit mangelnder Intelligenz erklären. [01:32:05–01:33:30]

Zentrale Aussagen

  • Töppel beschreibt „Mein Kampf“ als zentrales Dokument für Hitlers Denken und zugleich als Produkt des rechtsradikalen Milieus der Weimarer Republik. [00:04:01–00:07:03]
  • Hitler habe den ersten Band während seiner Haft in Landsberg selbst auf einer Schreibmaschine verfasst und nicht Rudolf Heß diktiert. [00:11:58–00:13:44]
  • Der erste Band lasse sich laut Töppel als Selbststilisierung Hitlers zum alleinigen Führer lesen, der zweite stärker als programmatische Richtungsweisung. [00:17:45–00:22:45]
  • Das Editionsteam identifizierte Rassismus und Judenhass, „Lebensraum im Osten“, Diktatur und Gewalt als vier zentrale ideologische Bestandteile. [00:25:33–00:27:42]
  • „Mein Kampf“ sei bereits vor 1933 ein Bestseller gewesen und später in Millionenauflage erschienen. [00:06:00–00:06:39; 00:33:37–00:33:56]
  • Töppel widerspricht der Vorstellung, das Buch sei nach 1945 in Deutschland vollständig verboten gewesen; untersagt gewesen sei vor allem der Neudruck. [00:24:27–00:24:49]
  • Er weist auch die Vorstellung zurück, nahezu niemand habe das Buch vor 1945 gelesen. [00:36:01–00:39:02]
  • Die kritische Edition entstand auch vor dem Hintergrund des Auslaufens des Urheberrechts Ende 2015. [00:45:36–00:47:43]
  • Das Projekt sollte wissenschaftliche Kommentierung mit einer für ein breiteres Publikum verständlichen Darstellung verbinden. [00:47:43–00:49:43]
  • Zur Kommentierung zog das Team Experten aus zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen hinzu. [00:51:39–00:55:30]
  • Der Vergleich verschiedener Auflagen ergab laut Töppel zahlreiche stilistische, aber kaum grundlegende inhaltliche Änderungen. [00:58:41–00:59:36]
  • Die Kommentare behandeln sachliche Fehler, biografische Selbstdarstellungen, ideengeschichtliche Quellen, historischen Kontext und spätere politische Umsetzung. [01:00:20–01:08:56]
  • Töppel interpretiert Hitlers Schilderung seiner antisemitischen Radikalisierung in Wien als nachträgliche Selbstinszenierung. [01:13:04–01:24:41]
  • Hitler arbeite im Text stark mit emotionalen Bildern, Ekel-, Krankheits- und Bedrohungsmetaphern. [01:27:09–01:31:59]
  • Töppel hält es für irreführend, „Mein Kampf“ nur anhand besonders absurder Passagen lächerlich zu machen. [01:32:05–01:33:30]

Genannte Personen und Organisationen

  • Dr. Roman Töppel
  • Adolf Hitler
  • Ian Kershaw
  • Rudolf Heß
  • Erich Ludendorff
  • Gregor Strasser
  • Otto Strasser
  • Joseph Goebbels
  • Georg Neithardt
  • Othmar Plöckinger
  • Martin Heidegger
  • Hannah Arendt
  • Bertha von Suttner
  • Karl Marx
  • Friedrich Engels
  • Viktor Klemperer
  • Eduard Bloch
  • Heinrich Himmler
  • Institut für Zeitgeschichte
  • NSDAP
  • SPD
  • KPD
  • SA
  • SS / Waffen-SS
  • Hitlerjugend
  • Wehrmacht
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Süddeutsche Zeitung

Genannte Zahlen und konkrete Angaben

  • Hitler verbrachte laut Töppel vier Monate in Untersuchungshaft und neun Monate in Festungshaft. [00:14:25–00:14:39]
  • Die ursprünglichen Bände kosteten jeweils 12 Reichsmark. [00:22:53–00:23:32]
  • Die „Volksausgabe“ kostete zunächst 8 Reichsmark, später 7,20 Reichsmark. [00:24:14–00:24:55; 00:32:20–00:32:33]
  • Die kartonierte Ausgabe von 1932 kostete 2,85 Reichsmark pro Band. [00:24:55–00:25:20]
  • Vor 1933 wurden nach Töppels Angabe mehr als 250.000 Exemplare verkauft. [00:36:24–00:36:43]
  • Bis 1944 seien offiziell mehr als 12 Millionen Exemplare gedruckt worden. [00:33:37–00:33:56]
  • In einer amerikanischen Befragung nach Kriegsende gaben laut Töppel 23 Prozent an, „Mein Kampf“ gelesen zu haben: 16 Prozent teilweise und 7 Prozent vollständig. [00:37:51–00:38:39]
  • Das Urheberrecht lief am 31. Dezember 2015 aus. [00:46:32–00:46:53]
  • Das Editionsteam hatte vier Herausgeber, vier weitere Mitarbeiter und sechs Hilfskräfte. [00:50:51–00:51:08]
  • Für das Projekt standen ungefähr drei Jahre zur Verfügung. [00:51:15–00:51:39]
  • Beim Auflagenvergleich wurden knapp 2.500 Änderungen festgestellt. [00:58:41–00:59:29]
  • Die fertige Edition besteht aus zwei Bänden mit zusammen etwa fünf Kilogramm Gewicht. [01:09:02–01:09:24]
  • Vor Erscheinen lagen laut Töppel rund 15.000 Vorbestellungen vor. [01:09:35–01:09:47]

Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente

  • Adolf Hitler: „Mein Kampf“
  • Ian Kershaw: Hitler-Biografie
  • Othmar Plöckinger: „Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers Mein Kampf“
  • Rudolf Heß: Briefe aus der Haftzeit
  • Joseph Goebbels: frühe Tagebücher
  • Martin Heidegger: von Töppel erwähnter Brief an seinen Bruder
  • Heinrich Himmler: Posener Rede
  • Bertha von Suttner: von Töppel erwähnter Text über Krieg und „Auslese“
  • Edition „Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen“
  • Polizeiberichte und weitere Archivalien zur Frühgeschichte der NSDAP

Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen

Mehrere Namen und einzelne Buchtitel sind im automatisch erzeugten Transkript sprachlich fehlerhaft wiedergegeben. Auch einige Zahlen zur exakten Verkaufsmenge vor 1933 nennt Töppel selbst aus dem Gedächtnis und ausdrücklich nicht ganz sicher. Diese Angaben wurden deshalb nur in der von ihm genannten Größenordnung wiedergegeben.

Transparenzhinweis: Diese Zusammenfassung verdichtet ausschließlich die im Video geäußerten Inhalte. Sie enthält keine inhaltliche Bewertung oder externe Faktenprüfung. Aussagen in der Zusammenfassung sind den jeweiligen Sprechern zuzurechnen und nicht als redaktionelle Position der Plattform zu verstehen. Näheres zur Arbeitsweise finden Sie hier.

WERBUNG

Kees van der Pijl

Israel und 9/11

Der Aufstieg des atlantischen Zionismus

Der renommierte Politikwissenschaftler Kees van der Pijl analysiert die Hintergründe des "War on Terror", den die USA gegen Israels Feinde führen. Van der Pijl zeigt, dass diese Hintergründe bis Jahrzehnte vor den Anschlägen des 11. September reichen und die politischen Strukturen Israels und der USA weit vernetzt sind.

Mehr erfahren ...