Zusammenfassung
Alfred Herrhausen als Manager und politischer Denker
Dirk Pohlmann beschreibt Alfred Herrhausen als außergewöhnlich analytischen, intellektuell vielseitigen und zugleich zugänglichen Manager. Herrhausen habe nicht nur die Interessen der Deutschen Bank verfolgt, sondern wirtschaftliches Handeln mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Er sei mit Helmut Kohl befreundet und dessen Berater gewesen, habe Karl Popper gekannt und sich intensiv mit gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigt.
Pohlmann betont Herrhausens Bereitschaft, auch mit Gesprächspartnern außerhalb des etablierten politischen und medialen Spektrums zu sprechen. Besonders beeindruckt habe ihn Michail Gorbatschow. Herrhausen habe früh erkannt, dass das Ende des Kalten Krieges grundlegende Veränderungen für Europa ermöglichen könnte.
Zur damaligen Deutschen Bank erklärt Pohlmann, diese sei vor allem eine zentrale Kreditgeberin der deutschen Wirtschaft gewesen und im Investmentbanking vergleichsweise schwach aufgestellt. Herrhausen habe dies unter anderem durch die Übernahme der britischen Investmentbank Morgan Grenfell ändern wollen.
Schuldenerlass und wirtschaftliche Neuordnung
Ein zentraler Punkt sind Herrhausens Vorschläge zur Entschuldung hoch verschuldeter Staaten. Nach Pohlmann habe Herrhausen keinen vollständigen Schuldenerlass gefordert, sondern eine Reduzierung auf ein Niveau, das den betroffenen Ländern wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zurückgegeben hätte. Mexiko habe dabei eine wichtige Rolle gespielt.
Pohlmann argumentiert, Herrhausen habe nach Lösungen gesucht, von denen mehrere Seiten profitieren könnten. In einer Rede, die Herrhausen wegen seiner Ermordung nicht mehr halten konnte, habe er die frei werdenden Ressourcen nach dem Ende des Kalten Krieges für Aufgaben wie Umweltschutz, die Entschuldung ärmerer Länder, die Bekämpfung von Terrorismus und Drogenhandel einsetzen wollen.
Sowjetunion und eine neue europäische Ordnung
Ab etwa 13:36 beschreibt Pohlmann Herrhausens Überlegungen zur Sowjetunion. Herrhausen habe nicht einfach zusätzliche Kredite vergeben wollen, sondern einen strukturellen Umbau unterstützt. Nach seiner Einschätzung habe es der Sowjetunion insbesondere an Managern mit Erfahrung in marktwirtschaftlichen Strukturen gefehlt. Diese sollten unter anderem über Joint Ventures ausgebildet werden.
Pohlmann zufolge entwickelte Herrhausen die Vorstellung einer osteuropäischen Entwicklungsbank und eines Programms, das Elemente des Marshallplans aufgegriffen hätte. Die Zusammenarbeit zwischen West- und Osteuropa sollte über wirtschaftliche Kooperation langfristig auch politische und möglicherweise sicherheitspolitische Zusammenarbeit ermöglichen.
Dabei sieht Pohlmann Herrhausens Vorstellungen im Zusammenhang mit einem Europa, in dem Deutschland, Frankreich und die Sowjetunion beziehungsweise Russland enger zusammenarbeiten. Er argumentiert, dass eine solche Entwicklung den politischen Einfluss der USA in Europa reduziert hätte.
Herrhausen und amerikanische Interessen
Pohlmann vertritt die Auffassung, Herrhausen habe die geopolitische Dimension seiner Vorstellungen möglicherweise unterschätzt. Er sei stark vom westlichen Gedanken der offenen Gesellschaft geprägt gewesen und habe angenommen, dass eine friedliche Integration der Sowjetunion grundsätzlich auch im Interesse der westlichen Staaten liege.
Als Beispiel nennt Pohlmann ein Gespräch Herrhausens mit Henry Kissinger im Juli 1989. Dabei seien unterschiedliche Vorstellungen darüber deutlich geworden, wer über zentrale sicherheitspolitische Fragen zwischen der Sowjetunion, den USA und der Bundesrepublik entscheiden könne.
Pohlmann stellt Herrhausens Ermordung deshalb in einen größeren geopolitischen Zusammenhang. Er fragt insbesondere danach, wem sein Tod genutzt habe und welche Akteure ein Interesse daran gehabt haben könnten, seine Vorstellungen zu verhindern.
RAF und Geheimdienste
Ab etwa 28:44 widmet sich das Gespräch ausführlich der dritten Generation der RAF. Pohlmann widerspricht der These, diese habe überhaupt nicht existiert. Nach seinen Recherchen habe es eine dritte Generation gegeben, die Herrhausen auch tatsächlich als Ziel betrachtet habe.
Gleichzeitig argumentiert er, dass Mitglieder dieser Strukturen Kontakte zur Staatssicherheit der DDR gehabt hätten und die RAF auch von westlichen Nachrichtendiensten beobachtet beziehungsweise infiltriert worden sei. Er verweist auf bekannte Verbindungen einzelner RAF-Mitglieder zum Verfassungsschutz und zieht Parallelen zu den Roten Brigaden in Italien.
Pohlmanns zentrale These ist, dass Terrorgruppen für Nachrichtendienste besonders interessant seien, weil dort bereits Personen vorhanden seien, die konspirativ arbeiten und Gewalt anwenden könnten. Geheimdienste müssten eine Organisation dabei nicht vollständig kontrollieren. Es könne ausreichen, einzelne Personen zu infiltrieren, Informationen über interne Diskussionen zu erhalten und Entscheidungen indirekt zu beeinflussen.
Auf die konkrete Frage Hopfs, ob die RAF vor einem Anschlag eine Genehmigung eines Geheimdienstes eingeholt haben könnte, antwortet Pohlmann, dass er eine solche direkte Struktur nicht für wahrscheinlich halte. Für effektiver hält er eine verdeckte Einflussnahme durch einzelne Personen innerhalb der Organisation.
Ermittlungen und gesperrte Akten
Pohlmann berichtet außerdem über Akten, die weiterhin nicht zugänglich seien. Amerikanische Unterlagen zum Fall Herrhausen seien nach seinen Angaben auch nach Ablauf üblicher Geheimhaltungsfristen nicht freigegeben und erneut für Jahrzehnte gesperrt worden.
Auch im Stasi-Unterlagen-Archiv gebe es nach seinen Angaben umfangreiche Bestände, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich seien, jedoch westlichen Nachrichtendiensten zur Verfügung stünden.
Für die Ermittlungen zum Mord an Herrhausen hält Pohlmann es für möglich, dass deutsche Ermittler zeitweise auf einer richtigen Spur gewesen seien, ihre Arbeit jedoch später blockiert worden sei. In seinem geplanten Buch wolle er insbesondere untersuchen, wie innerhalb der dritten RAF-Generation entschieden wurde, welche Personen zu Anschlagszielen wurden.
Vergleich mit anderen politischen Morden
Zum Ende des Interviews erklärt Pohlmann, dass sein Buch Herrhausens Ermordung mit weiteren Fällen vergleichen werde. Er nennt unter anderem Enrico Mattei, Aldo Moro, Dag Hammarskjöld, Olof Palme und John F. Kennedy. Bei diesen Fällen sieht er vergleichbare Konstellationen, in denen politische oder wirtschaftliche Akteure bestehende Machtstrukturen infrage gestellt hätten.
Das Buch soll nach seiner damaligen Planung bis Ende des Jahres erscheinen.
Zentrale Aussagen
- 01:45 – Pohlmann beschreibt Herrhausen als brillanten Analytiker, Generalisten und Manager mit gesellschaftlichem Verantwortungsverständnis.
- 05:31 – Herrhausens Vorschläge zur Reduzierung von Auslandsschulden hätten nach Pohlmann für einige amerikanische Banken problematischer sein können als für die Deutsche Bank.
- 09:56 – Herrhausen habe keinen vollständigen Schuldenschnitt gefordert, sondern eine Reduzierung von Schulden zur Wiederherstellung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit.
- 10:44 – In einer nicht mehr gehaltenen Rede habe Herrhausen nach dem Ende des Kalten Krieges neue finanzielle Spielräume für Umweltschutz, Entschuldung, Terrorismus- und Drogenbekämpfung gesehen.
- 14:06 – Für die Sowjetunion habe Herrhausen nach Pohlmann weniger direkte Kredite als vielmehr den Aufbau wirtschaftlicher und unternehmerischer Strukturen befürwortet.
- 19:12 – Pohlmann beschreibt Herrhausens Vorstellung einer langfristigen wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit zwischen West- und Osteuropa.
- 20:18 – Herrhausen habe eine osteuropäische Entwicklungsbank und kreditgestützte Joint Ventures befürwortet.
- 22:35 – Pohlmann vermutet, dass Herrhausen die geopolitischen Konflikte seiner Vorstellungen mit amerikanischen Interessen nicht vollständig erkannt habe.
- 28:56 – Pohlmann widerspricht der These, eine dritte RAF-Generation habe nicht existiert.
- 32:02 – Er verweist auf Kontakte der RAF zur Staatssicherheit und auf Infiltration beziehungsweise Überwachung durch westliche Dienste.
- 35:36 – Pohlmanns These lautet, dass Terrororganisationen von Nachrichtendiensten als indirekt steuerbare Strukturen genutzt werden können.
- 41:15 – Für seine Recherchen sei besonders die Frage entscheidend, wie innerhalb der RAF die Auswahl der Anschlagsziele zustande kam.
- 42:12 – Pohlmann berichtet, dass amerikanische Akten zum Fall auch Jahrzehnte nach dem Anschlag weiterhin nicht freigegeben seien.
- 46:55 – Eine direkte Genehmigung von Anschlägen durch Geheimdienste hält Pohlmann für weniger wahrscheinlich als verdeckte Infiltration und Einflussnahme.
- 49:30 – Pohlmann untersucht Herrhausens Ermordung vor allem unter der Frage, welche Akteure ein Interesse an seinem Tod gehabt haben könnten.
- 51:26 – Das geplante Buch soll Herrhausens Fall mit weiteren politischen Mordfällen vergleichen.
Genannte Personen und Organisationen
- Alfred Herrhausen
- Dirk Pohlmann
- Philipp Hopf
- Helmut Kohl
- Michail Gorbatschow
- Raissa Gorbatschowa
- Karl Popper
- Henry Kissinger
- George H. W. Bush
- Egon Bahr
- Olof Palme
- Margaret Thatcher
- Aldo Moro
- John F. Kennedy
- Nikita Chruschtschow
- Enrico Mattei
- Dag Hammarskjöld
- Deutsche Bank
- Morgan Grenfell
- RAF
- Ministerium für Staatssicherheit / Stasi
- Bundeskriminalamt
- Verfassungsschutz
- CIA
- NATO
- Rote Brigaden
- Japanische Rote Armee
Genannte Zahlen und konkrete Angaben
- Herrhausen wurde 1989, wenige Wochen nach dem Mauerfall, ermordet.
- Pohlmann nennt eine Rangliste von 25 großen Banken aus den Jahren 1988/1989, von denen nach seinen Angaben 18 japanisch gewesen seien.
- Für die Sowjetunion werden Kredite in Höhe von 3 Milliarden und 13 Milliarden genannt.
- Pohlmann spricht von ungefähr 500 Regalmeter Stasi-Akten, die nicht allgemein öffentlich zugänglich seien.
- Bestimmte US-Unterlagen seien nach seinen Angaben nochmals für 30 Jahre unter Geheimhaltung gestellt worden.
- Der Kaufvertrag für Morgan Grenfell sei nach Pohlmanns Darstellung zwei Tage vor Herrhausens Tod unterzeichnet worden.
Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente
- ARD-Serie „Herrhausen – Der Herr des Geldes“
- Dirk Pohlmanns geplantes Buch über Alfred Herrhausen
- Karl Poppers Arbeiten zur offenen Gesellschaft
- Ludwig Erhard: „Wohlstand für alle“
- Gespräche beziehungsweise Interviews Pohlmanns mit Zeitzeugen, darunter Egon Bahr
- John C. Schmeidel: „Stasi: Shield and Sword of the Party“
- Buch „Das RAF-Phantom“
- Film „Carlos“
- Von Pohlmann erwähnte amerikanische und deutsche Geheimdienst- beziehungsweise Ermittlungsakten
Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen
Einige im automatisch erstellten Transkript genannte Personen- und Buchtitel sind sprachlich stark verfremdet und lassen sich allein aus dem Transkript nicht sicher rekonstruieren. Dazu gehören insbesondere einzelne Zeitzeugen und Autoren, die Pohlmann im Zusammenhang mit seinen Recherchen erwähnt.