Interview

Daniele Ganser über US-Imperialismus, Kriegsführung, digitale Überwachung und Achtsamkeit

(geschätzte Lesezeit:

9

Minuten)

Originaltitel:

Dr. Daniele Ganser: Imperium USA - Die skrupellose Weltmacht (Berlin 02.10.2020)

Veröffentlicht am:

3. November 2020

Person:

Dauer:

1:50:29

Kurzbeschreibung

Daniele Ganser spricht über die zentralen Thesen seines Buches Imperium USA und beschreibt die Vereinigten Staaten als gegenwärtiges Imperium, dessen Macht sich militärisch, politisch, wirtschaftlich und digital zeige. Weitere Schwerpunkte sind das UNO-Gewaltverbot, historische Kriege und Interventionen, Medien und Überwachung sowie Gansers persönlicher Umgang mit Konflikten durch Achtsamkeit und friedliche Kommunikation.

Zusammenfassung

Gewalt, UNO-Gewaltverbot und „Menschheitsfamilie“

Ganser erklärt zu Beginn, dass sich der Schwerpunkt seiner Arbeit erweitert habe. Früher habe er vor allem Kriege, Regierungsumstürze und Ereignisse wie den 11. September analysiert. Mit der Zeit hätten Zuhörer zunehmend gefragt, wie man mit diesen Informationen umgehen könne, ohne in Ohnmacht zu geraten. Deshalb beschäftige er sich inzwischen stärker mit Achtsamkeit und der inneren Verarbeitung belastender Themen. Als drei Leitbegriffe nennt er UNO-Gewaltverbot, Menschheitsfamilie und Achtsamkeit.

Ganser argumentiert, dass Gewalt im privaten Leben grundsätzlich abgelehnt werde, während für internationale Konflikte andere Regeln akzeptiert würden. Medien vermittelten seiner Ansicht nach wiederholt das Muster eines „bösen Mannes“, dessen Beseitigung Gewalt rechtfertige. Als Beispiele nennt er Saddam Hussein, Slobodan Milošević, Osama bin Laden und Muammar al-Gaddafi. Dem stellt Ganser das 1945 verabschiedete UNO-Gewaltverbot gegenüber. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs mit rund 60 Millionen Toten seien für ihn der historische Hintergrund dieses Verbots.

Konflikte selbst hält Ganser nicht für negativ. Sie gehörten zum Alltag und könnten persönliche Entwicklung auslösen. Entscheidend sei, sie nicht gewaltsam auszutragen. Er vermutet, dass eine große Mehrheit auch internationale Konflikte ohne Krieg lösen wolle, und kritisiert, dass Bürger über Militäreinsätze häufig nicht direkt abstimmen könnten.

Achtsamkeit als Umgang mit Wut und äußerem Druck

Ausführlich schildert Ganser eine Fernsehsendung des Schweizer Fernsehens von 2017, in der er sich unfair behandelt gefühlt habe. Danach habe er große Wut verspürt. Statt darauf zu reagieren, habe er versucht, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten, ohne sich mit ihnen gleichzusetzen. Das „beobachtende Bewusstsein“ sei für ihn von Gedanken, Gefühlen und Körperreaktionen unterscheidbar. Als Bild verwendet er einen Wasserfall: Das fortwährende Denken sei das herabstürzende Wasser, während Achtsamkeit bedeute, gewissermaßen hinter dem Wasserfall zu stehen und es zu beobachten.

Diese Technik verbindet Ganser mit Atemübungen und bewusster Distanz zu unmittelbaren Reaktionen. Für Menschen in der Friedensbewegung sei das relevant, weil öffentliche Kritik, persönliche Angriffe oder berufliche Folgen viel Energie kosten könnten.

Die USA als Imperium

Ab etwa 32:30 wendet sich das Gespräch ausführlich der US-Geschichte zu. Ganser erzählt, dass Top Gun als Jugendlicher sein Lieblingsfilm gewesen sei. Erst später habe er erkannt, welchen Einfluss militärische Institutionen seiner Darstellung zufolge auf solche Produktionen ausübten. Im Geschichtsstudium habe er sich anschließend zunehmend mit US-Imperialismus beschäftigt und unter anderem Autoren wie Noam Chomsky und William Blum gelesen.

Ganser führt eine lange Reihe historischer Beispiele an, mit denen er seine These vom US-Imperium begründet: Iran 1953, Guatemala 1954, die Schweinebucht 1961, Vietnam, Kambodscha, Indonesien, Chile, Kongo, Afghanistan, Nicaragua und den Iran-Contra-Komplex. Als gemeinsames Muster bezeichnet er die Verbindung von Gewalt und Täuschung.

Den Begriff „Imperium“ verwendet Ganser für den mächtigsten Staat einer Epoche, der andere Staaten unterwirft oder beherrscht. Er stellt die USA dabei in eine historische Reihe mit dem Römischen Reich sowie den spanischen, portugiesischen, französischen und britischen Imperien. Imperialismus sei seiner Ansicht nach nicht verschwunden, sondern habe lediglich seine dominante Macht gewechselt.

Oligarchie, Reichtum und Medienmacht

Ganser bezeichnet die USA zugleich als Oligarchie. Er verweist dabei auf Jimmy Carter und argumentiert, dass sehr vermögende Menschen über Wahlkampffinanzierung, Parteien, Medien, Unternehmen und Thinktanks überproportionalen politischen Einfluss ausübten. Demokraten und Republikaner seien für ihn trotz ihrer Unterschiede beide Parteien, unter deren Regierungen Kriege geführt würden.

Als Kontrast führt er an, dass nach den von ihm genannten Zahlen rund 100 Millionen der damals etwa 330 Millionen US-Bürger keine 400 Dollar Rücklagen hätten. Diese Menschen könnten weder große Medienunternehmen kaufen noch Thinktanks finanzieren und hätten dadurch weniger Einfluss darauf, welche politischen Themen behandelt würden.

Medien beeinflussten nach Gansers Darstellung nicht nur, welche Antworten Menschen auf politische Fragen geben, sondern bereits, mit welchen Fragen sie sich beschäftigten. Daher hält er nicht nur den Inhalt von Berichten für relevant, sondern auch das, worüber nicht berichtet werde.

Zweiter Weltkrieg, Öl und Geostrategie

Ein längerer Abschnitt behandelt den Zweiten Weltkrieg. Ganser und der Moderator sprechen über amerikanische Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Erdöllieferungen und die Bedeutung von Treibstoff für moderne Kriegsführung. Ganser vertritt außerdem die These, Franklin D. Roosevelt habe einen Kriegseintritt der USA angestrebt und Japan durch strategische Maßnahmen, insbesondere das Erdölembargo und die Verlegung der Pazifikflotte nach Hawaii, unter Druck gesetzt. Den Angriff auf Pearl Harbor beschreibt er deshalb für die amerikanische Bevölkerung und die dortigen Soldaten als Überraschung, nicht aber für die politische und militärische Führung.

Anschließend beschreibt Ganser internationale Politik als geostrategisches „Schachspiel“. Er spricht über die Konkurrenz zwischen dem britischen Imperium und aufsteigenden kontinentalen Mächten, die Bagdadbahn, Deutschland und Russland sowie später Chinas Bestrebungen, Eurasien wirtschaftlich stärker zu verbinden.

Das „digitale Imperium“

Ab 1:09:35 behandeln die Gesprächspartner digitale Überwachung. Ganser sieht darin eine moderne Erweiterung imperialer Macht. Smartphones, soziale Netzwerke, Google-Dienste und elektronische Zahlungssysteme erzeugten Daten über Menschen. Der entscheidende Punkt sei für ihn nicht allein die Beobachtung: Wer mehr über einen Menschen wisse, könne gezielt Informationen zuführen oder zurückhalten und dadurch dessen Denken und Verhalten beeinflussen.

Als Beispiel besprechen die Gesprächspartner Microtargeting im US-Wahlkampf 2016 und beim Brexit. Ganser beschreibt, wie insbesondere unentschlossene Menschen in Swing States anhand persönlicher Daten und ihrer Ängste individuell angesprochen werden könnten. Menschen, die unter Stress stünden und keine klare Position hätten, seien seiner Ansicht nach besonders beeinflussbar.

Ganser empfiehlt, digitale Spuren zumindest zu reduzieren – beispielsweise das Smartphone gelegentlich zu Hause zu lassen oder bar statt mit Karte zu bezahlen. Noch wichtiger sei jedoch Achtsamkeit: Wer beobachte, woher ein Gedanke oder eine Emotion komme, könne Manipulationsversuche eher erkennen und müsse nicht unmittelbar reagieren.

Biografie, Spiritualität und persönliche Entwicklung

Im letzten Teil wird das Gespräch persönlicher. Ganser erzählt von seiner zwölfjährigen Schulzeit an der Rudolf-Steiner-Schule in Basel. Sein Vater habe aus christlicher Ethik die Auffassung vertreten, dass das Leben heilig sei; seine Mutter habe als Krankenschwester gearbeitet. Ganser selbst sei später bewusst zum Schweizer Militär gegangen, habe es jedoch wieder verlassen und anschließend studiert.

Religiös ordnet er sich keiner bestimmten Glaubensgemeinschaft zu. Er sehe jedoch in Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus einen gemeinsamen Kern der Achtung vor dem Leben. Zur „Menschheitsfamilie“ zählt er ausdrücklich auch Atheisten.

Ganser beschreibt außerdem seine Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen und seine Überzeugung, dass Bewusstsein nicht mit dem Körper identisch sei. Eine wichtige persönliche Erfahrung sei ein Bungee-Sprung in Nepal gewesen: Trotz eigener Höhenangst habe er versucht, durch Konzentration auf das Bewusstsein körperliche Angstreaktionen zu beruhigen. Für ihn sei dies zu einem Beispiel dafür geworden, wie Achtsamkeit Körper, Gedanken und Gefühle beeinflussen könne.

Zum Ende überträgt Ganser diesen Ansatz auf Kommunikation. Wer beleidigt oder angegriffen werde, müsse nicht sofort zurückschlagen. Er empfiehlt, die ersten 30 Sekunden nicht zu reagieren und sich zunächst auf den Atem zu konzentrieren. Seine abschließenden Leitbegriffe bleiben Achtsamkeit, Menschheitsfamilie und UNO-Gewaltverbot.

Zentrale Aussagen

  • 04:33 – Ganser argumentiert, dass Medien bei internationalen Konflikten wiederholt die Erzählung eines gefährlichen Gegners vermittelten, dessen Beseitigung Gewalt legitimieren solle.
  • 08:35 – Er stellt diesem Muster das UNO-Gewaltverbot entgegen und bezeichnet es als zentrale Orientierung für internationale Konflikte.
  • 12:12 – Ganser nennt UNO-Gewaltverbot, Menschheitsfamilie und Achtsamkeit seine drei „Leitsterne“ für das 21. Jahrhundert.
  • 17:33 – Er vertritt die Auffassung, Konflikte seien unvermeidbar und teilweise produktiv, dürften jedoch nicht mit Gewalt gelöst werden.
  • 24:04 – Ganser beschreibt Achtsamkeit als Methode, Wut, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne unmittelbar auf sie zu reagieren.
  • 34:04 – Er führt zahlreiche US-Interventionen und Regierungsumstürze seit den 1950er-Jahren als Begründung seiner These vom US-Imperium an.
  • 38:34 – Ganser definiert ein Imperium als die dominierende Macht einer historischen Epoche, die andere Staaten ihrer Macht unterordnet.
  • 45:23 – Er bezeichnet die USA als Oligarchie und begründet dies mit dem Einfluss großer Vermögen auf Parteien und Politik.
  • 47:53 – Als Ausdruck sozialer Ungleichheit nennt Ganser rund 100 Millionen US-Amerikaner mit weniger als 400 Dollar Rücklagen.
  • 51:22 – Beim Medienkonsum empfiehlt Ganser, auch danach zu fragen, welche Themen nicht behandelt werden.
  • 57:31 – Ganser beschreibt Roosevelts Politik vor Pearl Harbor als Strategie, Japan zum ersten Angriff auf die USA zu bewegen.
  • 1:09:35 – Das „digitale Imperium“ bestehe für Ganser darin, dass digitale Dienste umfangreiche Daten erzeugten, die Überwachung und Einflussnahme ermöglichten.
  • 1:14:17 – Microtargeting beschreibt er als individuelle politische Ansprache auf Grundlage persönlicher Daten und psychologischer Merkmale.
  • 1:18:18 – Achtsamkeit soll nach Gansers Auffassung dabei helfen, emotionale Manipulation zu erkennen und Abstand zu eigenen spontanen Reaktionen zu gewinnen.
  • 1:30:01 – Als einen prägenden Wert aus seiner Familie nennt Ganser die Vorstellung, dass das Leben heilig sei und Menschen einander helfen statt töten sollten.
  • 1:44:18 – Ganser formuliert als persönlichen Ansatz, sich täglich in Achtsamkeit und friedlicher Kommunikation zu üben.
  • 1:47:51 – Bei persönlichen Angriffen empfiehlt er, zunächst etwa 30 Sekunden nicht zu reagieren und sich auf den Atem zu konzentrieren.

Genannte Personen und Organisationen

Daniele Ganser; Franklin D. Roosevelt; Jimmy Carter; Donald Trump; Barack Obama; George W. Bush; Bill Clinton; Lyndon B. Johnson; Saddam Hussein; Muammar al-Gaddafi; Osama bin Laden; Slobodan Milošević; Patrice Lumumba; Salvador Allende; Augusto Pinochet; Martin Luther King; Julian Assange; Noam Chomsky; William Blum; Steve Jobs; Mark Zuckerberg; Jeff Bezos; Bill Gates; George Soros; Warren Buffett; Friedrich Dürrenmatt; Rudolf Steiner; UNO; NATO; Pentagon; CIA; Bundeswehr; Schweizer Fernsehen; ARD; ZDF; NZZ; Federal Reserve; Facebook; Google; WhatsApp; Instagram; Visa; Mastercard; Cambridge Analytica; Amazon; BlackRock; State Street; Vanguard; General Motors; Ford.

Genannte Zahlen und konkrete Angaben

  • Ganser spricht von rund 800 gehaltenen Vorträgen.
  • Die UNO-Charta beziehungsweise das Gewaltverbot wird auf 1945 datiert; für den Zweiten Weltkrieg nennt Ganser rund 60 Millionen Tote.
  • Für Vietnam nennt Ganser etwa 3 Millionen Tote sowie rund 500 Tote beim Massaker von Mỹ Lai.
  • Für Indonesien nennt er 500.000 Tote.
  • Im Zusammenhang mit nicht nachvollziehbaren Pentagon-Buchungen ist von 2.300 Milliarden Dollar am 10. September 2001 die Rede.
  • Ganser nennt 330 Millionen Einwohner der USA und etwa 100 Millionen Menschen, die keine 400 Dollar Rücklagen hätten.
  • Das US-Militärbudget beziffert er auf mehr als 700 Milliarden Dollar.
  • Für Hitlers Kriegsführung nennt der Moderator einen Bedarf von 100.000 Fass Öl pro Tag, bei 12.000 Fass eigener Verfügbarkeit und einer Differenz von 88.000 Fass.
  • Beim Angriff auf Pearl Harbor nennt Ganser den 7. Dezember 1941 und mehr als 2.000 getötete US-Soldaten.
  • Im Gespräch ist von 503 amerikanischen kriegswichtigen Firmen die Rede, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland aktiv gewesen seien.
  • Ganser nennt 50 US-Bundesstaaten und beschreibt die besondere Bedeutung der Swing States beim Microtargeting.
  • Er spricht von 7,7 Milliarden Menschen in 193 Staaten.
  • Für einen US-Präsidentschaftswahlkampf nennt Ganser eine finanzielle Einstiegsschwelle von mindestens 300 Millionen Dollar.
  • Ganser gibt an, seit 20 Jahren Vegetarier zu sein.
  • Seine Kinder seien 2006 und 2008 geboren.

Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente

  • Daniele Ganser: Imperium USA – das im Gespräch behandelte Buch.
  • Noam Chomsky – von Ganser als Autor genannt, dessen Arbeiten er zum US-Imperialismus gelesen habe.
  • William Blum – ebenfalls als von Ganser gelesener US-kritischer Autor genannt.
  • UNO-Charta von 1945 / UNO-Gewaltverbot.
  • The Art of War / Die Kunst des Krieges wird im Zusammenhang mit strategischer List erwähnt.
  • Professorin Zuboff – im Transkript phonetisch als „Zupof“ wiedergegeben; genannt wird ihr Buch zum Überwachungskapitalismus.
  • Emmanuel Todd: Weltmacht USA – Ein Nachruf, im Gespräch mit dem Erscheinungsjahr 2003 genannt.
  • Collateral Murder – von Ganser im Zusammenhang mit Julian Assange und dem Irakkrieg erwähnt.

Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen

Mehrere Eigennamen und Buchtitel sind durch die automatische Transkription stark entstellt. Dies betrifft unter anderem einzelne Autoren im Abschnitt über den Zweiten Weltkrieg sowie einige Personen, die Ganser gegen Ende als Vertreter der Friedensbewegung aufzählt. Auch die genaue Berufsbezeichnung seines Vaters ist im Transkript an einer Stelle unverständlich; später bezeichnet Ganser ihn eindeutig als reformierten Pfarrer.

Transparenzhinweis: Diese Zusammenfassung verdichtet ausschließlich die im Video geäußerten Inhalte. Sie enthält keine inhaltliche Bewertung oder externe Faktenprüfung. Aussagen in der Zusammenfassung sind den jeweiligen Sprechern zuzurechnen und nicht als redaktionelle Position der Plattform zu verstehen. Näheres zur Arbeitsweise finden Sie hier.

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