Interview

Angela Merkels DDR-Vergangenheit und politische Karriere – Biograf Klaus-Rüdiger Mai über offene Fragen

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7

Minuten)

Originaltitel:

Was steht in der Stasi-Akte von Angela Merkel? Merkel-Biograf über offene Fragen

Veröffentlicht am:

22. September 2026

Person:

Dauer:

1:19:59

Kurzbeschreibung

Alexander Teske spricht mit dem Publizisten und Merkel-Biografen Klaus-Rüdiger Mai über Angela Merkels DDR-Biografie, Stasi-Unterlagen und bislang offene Fragen zu ihrer Vergangenheit. Darüber hinaus geht es um ihren politischen Aufstieg, ihren Führungsstil, ihr Verhältnis zu Medien, zentrale Entscheidungen ihrer Kanzlerschaft sowie Spekulationen um eine mögliche Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin.

Zusammenfassung

DDR-Vergangenheit, Stasi und Familie

Zu Beginn beschäftigt sich das Gespräch mit Gerüchten, Angela Merkel sei als „IM Erika“ für die Staatssicherheit tätig gewesen. Teske betont selbst, dass es dafür keine Belege gebe. Mai hält es nach eigener Beschäftigung mit den Unterlagen ebenfalls für wahrscheinlich, dass Merkel kein IM gewesen sei. Er verweist unter anderem darauf, dass es bereits mehrere Informanten in ihrem Umfeld gegeben habe und die Staatssicherheit sie daher möglicherweise nicht benötigt habe. Merkel habe zudem selbst berichtet, 1978 nach ihrem Studium bei einem Vorstellungsgespräch gefragt worden zu sein, ob sie für die Staatssicherheit arbeiten wolle, und dies abgelehnt zu haben.

Mai geht davon aus, dass dennoch Unterlagen über Merkel existieren könnten. Er unterscheidet zwischen zugänglichen Täterakten und stärker geschützten Unterlagen über Betroffene. Die rechtlichen Grenzen der Veröffentlichung hält er für problematisch, insbesondere bei späteren Personen des öffentlichen Lebens.

Ausführlich spricht Mai über Merkels Vater Horst Kasner. Dieser sei als „roter Pfarrer“ bezeichnet worden und habe nach Mais Darstellung für eine mit dem Sozialismus kooperierende Kirche gestanden. Gleichzeitig berichtet Mai von einem Anwerbeversuch der Staatssicherheit gegen Kasner, den dieser öffentlich gemacht habe. Angela Merkel sei nach Mais Einschätzung in einem staatsnahen, zugleich kirchlichen Umfeld aufgewachsen.

Als offene Fragen nennt Mai unter anderem Merkels Möglichkeiten zu Westreisen. Er beschreibt eine Reise nach Hamburg, Karlsruhe und Konstanz sowie ihre Kontakte dort als für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich. Auch ein Vorfall nach einer Polenreise wird thematisiert: Merkel sei mit Material der Solidarność an der Grenze aufgefallen, ohne dass dies nach Mais Darstellung gravierende Folgen gehabt habe. Mai sieht darin ungeklärte Besonderheiten, leitet daraus aber ausdrücklich keinen Beweis für eine Tätigkeit für die Staatssicherheit ab.

Politischer Aufstieg nach 1989

Mai beschreibt Merkel als ehrgeizig, organisatorisch orientiert und stark auf Erfolg ausgerichtet. Nach dem politischen Umbruch habe sie zunächst verschiedene Parteien betrachtet und sich schließlich dem Demokratischen Aufbruch angeschlossen. Dort habe sie sich zunächst aus programmatischen Konflikten herausgehalten, praktische Aufgaben übernommen und sei schließlich Pressesprecherin geworden. Diese Vorgehensweise sieht Mai als charakteristisch für ihren weiteren Aufstieg: beobachten, Konflikte vermeiden und im geeigneten Moment Verantwortung übernehmen.

Auch ihre spätere politische Führung erklärt Mai teilweise aus ihrer DDR-Sozialisation. Merkel habe einen sehr kleinen Kreis enger Vertrauter aufgebaut und außerhalb dieses Kreises Positionen nur vorsichtig erkennen lassen. Nach Mais Interpretation habe sie häufig Entwicklungen abgewartet und Entscheidungen erst getroffen, wenn sich die Richtung bereits deutlich abgezeichnet habe.

Verhältnis zu Medien und Machterhalt

Einen Schwerpunkt legt Mai auf Merkels Verhältnis zu Medien. Er beschreibt insbesondere ihre langjährige Mitarbeiterin Eva Christiansen als wichtig für den Aufbau journalistischer Kontakte. Außerdem sprechen Teske und Mai über Merkels Beziehungen zu Friede Springer und Liz Mohn. Mai interpretiert diese Verbindungen als Teil eines politischen Netzwerkes zwischen Medien und Macht.

Merkels Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ beschreibt Mai als Übernahme politischer Positionen von SPD und Grünen, wodurch gegnerischen Parteien Themen entzogen worden seien. Ihre Macht innerhalb der CDU erklärt er außerdem mit Wahlerfolgen: Solange unter ihrer Führung Mandate und politische Positionen gewonnen worden seien, habe der Parteiapparat ihre politische Linie unterstützt.

Mai vertritt die These, Merkel habe sich stark am veröffentlichten gesellschaftlichen und medialen „Zeitgeist“ orientiert. Als Beispiele diskutieren die Beteiligten ihren Wechsel bei der Atompolitik nach Fukushima sowie Veränderungen ihrer Positionen zur Migration. Mai erkennt bei ihr weniger eine durchgehende politische Überzeugung als eine starke Orientierung an politischem Erfolg und Machterhalt.

Kanzlerschaft, Migration und Corona

Teske und Mai sprechen über Merkels Umgang mit der Deutschlandflagge nach einer Bundestagswahl. Mai interpretiert die Szene symbolisch und verbindet sie mit seiner These, Merkel habe kein ausgeprägtes Verhältnis zu nationaler Identität entwickelt. Zudem vertritt er die Auffassung, sie habe politische Verantwortung bevorzugt innerhalb von Koalitionen geteilt.

Merkels Memoiren Freiheit beurteilt Mai kritisch. Er habe das Buch nicht vollständig gelesen, sondern ausgewählte Passagen geprüft. Nach seiner Einschätzung präsentiere Merkel ihre Regierungszeit überwiegend als richtig und räume kaum Fehler ein.

Besonders deutlich habe sich Merkels Regierungsverständnis nach Mais Einschätzung während der Corona-Zeit gezeigt. Er beschreibt ihren Ansatz als stark administrativ und auf staatliche Steuerung konzentriert. Er kritisiert, dass seiner Ansicht nach nicht ausreichend unterschiedliche fachliche Positionen einbezogen worden seien. Daraus leitet er seine allgemeinere These ab, Merkel habe politische Entscheidungen häufig als möglichst effiziente Verwaltungsprozesse betrachtet.

Merkel, CDU und AfD

Im letzten Teil diskutieren die Beteiligten die langfristigen Folgen von Merkels Politik für das Parteiensystem. Mai führt die Entstehung der AfD zunächst auf die Euro-Rettungspolitik zurück und sieht die Flüchtlingspolitik ab 2015 als weiteren wichtigen Faktor für deren Entwicklung. Er argumentiert, die CDU habe sich unter Merkel programmatisch nach links bewegt und dadurch politischen Raum auf ihrer rechten Seite geöffnet.

Am Beispiel des Satzes „Wir schaffen das“ beschreibt Mai einen für Merkel typischen Umgang mit politischen Entscheidungen: Statt grundsätzlich zu fragen, ob eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklung gewollt sei, sei die Debatte auf die Frage konzentriert worden, wie sie umgesetzt werden könne. Für Mai zeigt sich darin erneut seine These von Merkels Vorstellung einer administrativ gesteuerten Politik.

Auch eine mögliche Kandidatur Merkels für das Amt der Bundespräsidentin wird diskutiert. Mai hält eine solche Kandidatur trotz ihrer bisherigen Aussagen grundsätzlich für denkbar und nennt mögliche parlamentarische Mehrheiten. Das Gespräch bleibt dabei spekulativ und bezieht sich auf die politische Situation zum Aufnahmezeitpunkt am 24. August 2026.

Zentrale Aussagen

  • 03:25–07:23: Teske und Mai erklären, dass ihnen keine Belege dafür bekannt seien, dass Angela Merkel als „IM Erika“ für die Staatssicherheit tätig gewesen sei; Mai hält eine IM-Tätigkeit für unwahrscheinlich.
  • 03:51–05:40: Mai erläutert seine Sicht auf die rechtlichen Beschränkungen beim Zugang zu möglichen Stasi-Unterlagen über Merkel.
  • 06:25–07:46: Merkel habe selbst von einem Anwerbeversuch der Staatssicherheit im Jahr 1978 berichtet, den sie abgelehnt habe.
  • 08:31–10:03: Mai beschreibt Merkels Vater Horst Kasner als staatsnahen evangelischen Kirchenmann, der einen eigenen Anwerbeversuch der Staatssicherheit öffentlich gemacht habe.
  • 12:20–14:30: Mai sieht bei der jungen Merkel eine ausgeprägte Systemnähe und starken Ehrgeiz, betont aber erneut, dass Stasi-Mitarbeiter in ihrem Umfeld keine eigene Tätigkeit beweisen.
  • 14:59–17:45: Mai bezeichnet Merkels Westreisen und den Umgang mit einem Solidarność-Fund nach einer Polenreise als offene Fragen ihrer DDR-Biografie.
  • 21:10–25:04: Ihren Einstieg in die Politik beschreibt Mai als vorsichtig und strategisch: Merkel habe zunächst beobachtet, praktische Aufgaben übernommen und Konflikte vermieden.
  • 25:58–29:22: Mai führt Merkels späteren Führungsstil auf einen kleinen Vertrauenskreis, vorsichtiges Abwarten und Orientierung an gesellschaftlichen Mehrheiten zurück.
  • 31:02–35:46: Das Verhältnis zu Medien und die Übernahme politischer Positionen anderer Parteien seien nach Mais Darstellung wichtige Elemente ihrer Machtstrategie gewesen.
  • 43:45–47:15: Mai sagt, er könne bei Merkel keine dauerhaft dominierende politische Grundüberzeugung erkennen und sehe Machterhalt als besonders wichtigen Faktor ihres politischen Handelns.
  • 50:30–54:39: Merkels Memoiren Freiheit bewertet Mai als stark auf die Rechtfertigung ihrer eigenen Regierungszeit ausgerichtet.
  • 57:31–58:50: Mai beschreibt Merkels Strategie gegenüber persönlichen Angriffen als bewusst zurückhaltend und machtpolitisch wirksam.
  • 1:08:03–1:10:24: Mai sieht in der Corona-Zeit eine besonders deutliche Ausprägung ihres administrativen Regierungsverständnisses.
  • 1:13:11–1:17:46: Mai verbindet Merkels Euro-, Migrations- und CDU-Politik mit dem Aufstieg der AfD und einer Veränderung des deutschen Parteiensystems.
  • 1:18:18–1:19:29: Den Satz „Wir schaffen das“ interpretiert Mai als Beispiel dafür, dass Merkel Diskussionen über die grundsätzliche politische Zielsetzung durch Diskussionen über die Umsetzung ersetzt habe.

Genannte Personen und Organisationen

Angela Merkel, Alexander Teske, Klaus-Rüdiger Mai, Horst Kasner, Wolfgang Schnur, Lothar de Maizière, Clemens de Maizière, Robert Havemann, Günter Gaus, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Friedrich Merz, Hendrik Wüst, Frank-Walter Steinmeier, Julia Klöckner, Karin Prien, Ilse Aigner, Günther Jauch, Hape Kerkeling, Friede Springer, Liz Mohn, Eva Christiansen, Tina Hildebrandt, Hermann Gröhe, Volker Kauder, Wolfgang Schäuble, Horst Seehofer; Staatssicherheit/Stasi, CDU, CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, AfD, Demokratischer Aufbruch, Bertelsmann, Springer, Der Spiegel, evangelische Kirche, BND, Europäische Union.

Genannte Zahlen und konkrete Angaben

  • Merkel sei 35 Jahre alt gewesen, als die DDR 1989 endete.
  • Der von Merkel berichtete Stasi-Anwerbeversuch wird auf 1978 datiert; sie sei damals etwa 24 Jahre alt gewesen.
  • Merkel war 16 Jahre Bundeskanzlerin.
  • Als Aufnahmezeitpunkt des Gesprächs nennt Teske den 24. August 2026.
  • Im Gespräch wird für die nächste Bundespräsidentenwahl 2027 genannt.
  • Teske nennt eine Forsa-Umfrage für RTL/ntv, nach der sich 47 Prozent eine Bundespräsidentin Angela Merkel vorstellen könnten.
  • Mai schlägt eine Begrenzung der Kanzlerschaft auf zwei Legislaturperioden beziehungsweise acht Jahre vor.
  • Als politische Wendepunkte werden unter anderem 2015 bei der Migration und die Corona-Zeit genannt.

Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente

  • Klaus-Rüdiger Mai: eine im Gespräch nicht vollständig betitelte Biografie über Angela Merkel
  • Angela Merkel: Freiheit
  • Stasi-Unterlagen zu Merkels Vater und weiteren Personen ihres Umfelds
  • Stasi-Unterlagengesetz
  • das sogenannte Kohl-Urteil
  • Angela Merkels Interview mit Günter Gaus
  • eine Forsa-Umfrage für RTL/ntv
  • von Mai allgemein erwähnte Bertelsmann-Studien

Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen

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