Zusammenfassung
Zensur als Erfahrung über Generationen
Ai Weiwei beginnt mit der Geschichte seines Vaters, der bereits Jahrzehnte vor ihm mit politischer Verfolgung und Zensur konfrontiert gewesen sei. Sein Vater habe in den 1920er-Jahren in Paris studiert und sei nach seiner Rückkehr nach China zunächst von den Nationalisten inhaftiert worden. Später sei er zu einem der bekanntesten modernen chinesischen Dichter geworden, nach der Gründung der Volksrepublik jedoch für rund 20 Jahre verbannt und am Schreiben gehindert worden. Ai Weiwei beschreibt, wie sein Vater unter schwierigen Bedingungen körperlich arbeiten musste und heimlich schrieb. Seine eigene Erfahrung mit Zensur verstehe er deshalb als Fortsetzung einer Familiengeschichte. 00:05:35–00:10:33
Ab 2005 habe Ai Weiwei das damals noch relativ offene chinesische Internet intensiv genutzt, um über Gesellschaft und Politik zu schreiben. Behörden hätten wiederholt seine Online-Konten beziehungsweise verwendeten Namen gesperrt. Er habe daraufhin immer neue Namen benutzt und spricht von etwa 200 Varianten. Seine Beiträge seien von zahlreichen Nutzern weiterverbreitet worden. Nach seiner Darstellung entwickelte China später deutlich wirksamere Instrumente zur Kontrolle des Internets. 00:10:52–00:12:22
Als die Behörden Kameras rund um sein Wohn- und Arbeitsgelände installierten, reagierte Ai Weiwei nach eigener Darstellung, indem er selbst Kameras in seinem Arbeits- und Schlafzimmer anbrachte und seinen Alltag über mehrere Tage live übertrug. Millionen Menschen hätten zugesehen. Die Polizei habe ihn schließlich aufgefordert, den Stream zu beenden. Für ihn zeigte die Episode den Unterschied zwischen verdeckter staatlicher Überwachung und öffentlich sichtbarer Selbstüberwachung. 00:12:23–00:15:00
Zensur im Westen
Ai Weiwei widerspricht der Vorstellung, seine internationale Bekanntheit schütze ihn vor Zensur. Nachdem er sich zu Israel, den USA und dem Krieg in Gaza geäußert habe, seien nach seiner Darstellung fünf geplante Ausstellungen abgesagt, verschoben oder verzögert worden. Er nennt Veranstaltungsorte beziehungsweise Projekte in England, Deutschland, Frankreich und den USA. Für ihn zeige dies, dass Zensur nicht nur in China oder Russland vorkomme. 00:15:48–00:18:30
Auch Deutschland kritisiert er in diesem Zusammenhang. Er verweist auf die deutsche Unterstützung Israels und sagt, gesellschaftliche und politische Positionen könnten dazu führen, dass Menschen bestimmte Themen nur zurückhaltend ansprächen. 00:18:30–00:19:53
Rückkehr nach China und Verhältnis zu seiner Heimat
Nach rund zehn Jahren außerhalb Chinas reiste Ai Weiwei wieder dorthin. Als ein Beispiel für unterschiedliche Erfahrungen mit Institutionen schildert er Schwierigkeiten mit Banken in Deutschland, der Schweiz und Hongkong. Konten seien geschlossen oder nicht eröffnet worden; eine Schweizer Bank habe dies nach seiner Darstellung mit angeblichen chinesischen Strafregistereinträgen begründet. Bei seiner Rückkehr nach China habe er dagegen problemlos auf ein lange nicht benutztes Konto zugreifen können. 00:20:18–00:23:06
Der wichtigste Grund für die Reise sei allerdings seine damals 93-jährige Mutter gewesen. Nach zehn Jahren Trennung habe er sie sehen wollen. Eine erneute Verhaftung habe ihm keine Angst gemacht. Auch während seiner 81-tägigen Haft 2011 habe ihn nach eigener Darstellung weniger die persönliche Gefahr belastet als die Vorstellung, seinen damals zweijährigen Sohn für viele Jahre nicht sehen zu können. Die Behörden hätten ihm mit einer möglichen 13-jährigen Haftstrafe gedroht. 00:23:07–00:25:20
Ai Weiwei sagt, seine politische Haltung habe sich durch die Rückkehr nicht verändert. Er verteidige weiterhin Menschenrechte und Meinungsfreiheit, wolle aber zugleich positive Entwicklungen in China anerkennen. Er könne sich grundsätzlich vorstellen, wieder dort zu leben. Ein wesentlicher Grund sei die Sprache: In Deutschland und Portugal spreche er die Landessprachen nicht, sein Englisch bezeichnet er selbst als schlecht. Trotz vieler Jahre im Ausland empfinde er sich deshalb als eine Art Heimatloser. 00:25:53–00:29:52
Migration und politische Gegensätze
Aus seiner eigenen Erfahrung als jemand, der außerhalb seines Herkunftslandes lebt, spricht Ai Weiwei über Flüchtlinge. Menschen verließen seiner Ansicht nach ihre Heimat meist nicht freiwillig. Sprache, Religion und vertraute Umgebung seien schwer aufzugeben. Krieg, fehlende Nahrung oder Sorgen um die Zukunft der Kinder könnten Familien dennoch zur Flucht bewegen. Die Anpassung an eine neue Gesellschaft könne nach seiner Einschätzung zwei oder drei Generationen dauern. 00:29:52–00:30:54
Der Moderator spricht anschließend ein gemeinsames Selfie Ai Weiweis mit einer AfD-Politikerin an. Ai Weiwei erklärt, die Politikerin sei auf ihn zugekommen und habe um das Foto gebeten, ohne dass er zuvor ihre politische Zugehörigkeit gekannt habe. Er nehme grundsätzlich Selfies mit Menschen auf, ohne ihre politische Biografie zu prüfen. Auch bei unterschiedlichen politischen Positionen trenne er zwischen politischer Haltung und persönlichem Umgang. Er sagt, er würde auch erneut ein Foto mit ihr machen. 00:31:00–00:34:34
Deutschland und Berlin
Der Moderator erinnert an frühere kritische Aussagen Ai Weiweis über Deutschland und die Deutschen. Ai Weiwei verteidigt sein Recht, auch unpopuläre oder möglicherweise falsche Meinungen offen auszusprechen. Er wolle nicht danach urteilen, ob seine Aussagen Zustimmung erhielten. 00:34:34–00:36:16
Gleichzeitig spricht er positiv über einzelne Aspekte des Lebens in Deutschland, insbesondere Brot, Wurst und die Qualität einfacher Lebensmittel. Berlin bezeichnet er als eine Stadt zwischen Beijing und New York. Nachdem er 2015 seinen chinesischen Pass zurückerhalten hatte, sei Deutschland das Land gewesen, das sich zuvor wiederholt bei der chinesischen Regierung für ihn eingesetzt habe. Er habe anschließend eine Professur an einer Berliner Kunsthochschule übernommen und besitze weiterhin ein Studio in Berlin. 00:36:16–00:43:14
Kunst und Politik
Auf die Frage, ob er sich eher als Künstler oder als Aktivist verstehe, reagiert Ai Weiwei zurückhaltend. Er hält die Frage nach persönlicher Bedeutung für wenig wichtig und verweist auf die Vergänglichkeit von Bekanntheit. 00:43:21–00:44:16
Kunst könne seiner Ansicht nach politische Systeme nicht einfach stürzen. Ein großer Teil der heutigen Kunst sei dekorativ und angenehm und stelle wenig infrage. Seine eigene Arbeit unterscheide sich davon, bleibe aber ebenfalls in wirtschaftliche Strukturen eingebunden, da Kunst verkauft werden müsse, um Künstler und Studios zu finanzieren. 00:44:17–00:45:29
Eine vollständig unpolitische Kunst hält Ai Weiwei für unmöglich. Schon die Behauptung, Kunst sei nicht politisch, sei für ihn selbst eine politische Aussage. Menschen lebten in gesellschaftlichen Strukturen, würden Klassen und Positionen zugeordnet und nähmen die Welt von dort aus wahr. 00:45:29–00:46:43
Künstliche Intelligenz und menschliche Unvollkommenheit
Ai Weiwei betrachtet künstliche Intelligenz als ein vom Menschen geschaffenes Werkzeug. Sie könne Kunst seiner Ansicht nach nicht ersetzen, weil Kunst nicht allein aus Rationalität, sondern aus Empfindungen entstehe. Trauer, Freude und andere menschliche Erfahrungen ließen sich nicht vollständig durch technische Systeme strukturieren. 00:46:44–00:48:26
Problematisch findet er insbesondere die Vorstellung einer einzigen „richtigen“ Antwort. Menschlichkeit bedeute für ihn gerade Unterschiedlichkeit, Fehlerhaftigkeit und verschiedene Wahrnehmungen der Welt. Gleichzeitig vergleicht er KI mit Elektrizität: Auch diese habe viele Vorteile, verändere aber Erfahrungen und Vorstellungen. Technischer Fortschritt könne nach seiner Auffassung bestimmte Formen von Poesie, Romantik und Imagination verdrängen. 00:48:26–00:49:50
Ukraine, Krieg und Angst
Ai Weiwei berichtet von vier Reisen in die Ukraine. Er sei mit Soldaten bis an die Front gegangen, habe sich vor Drohnenangriffen versteckt und Kriegstote gesehen. Er wolle solche Situationen unmittelbar erleben, um Krieg und dessen Veränderungen zu verstehen. 00:49:51–00:53:30
Nach seiner Darstellung seien Drohnen inzwischen für einen sehr großen Teil der Verluste im russisch-ukrainischen Krieg verantwortlich. Er nennt einen Anteil von 96 Prozent. Im Vergleich zu teuren Panzern könnten Drohnen bereits für etwa 500 Euro eingesetzt werden. Dadurch hätten sich die Bedingungen und die Ethik der Kriegsführung verändert: Menschen könnten aus großer Entfernung, im Schlaf oder ohne unmittelbare Möglichkeit zur Gegenwehr angegriffen werden. 00:51:50–00:53:30
Angst vor dem Tod beschreibt Ai Weiwei für sich als wenig bestimmend. Er wolle sein Leben nutzen, um seine Vorstellungskraft zu erweitern, und suche deshalb bewusst Situationen auf, die ihm fremd seien. 00:50:09–00:51:43
Am Ende wird er auf seine Autobiografie 1.000 Jahre Freud und Leid und die Frage angesprochen, ob sein Leben stärker von Freude oder Leid geprägt gewesen sei. Ai Weiwei antwortet, es habe für ihn deutlich mehr Freude gegeben und er betrachte das Leben weiterhin als Überraschung. 00:53:36–00:54:26
Zentrale Aussagen
- Ai Weiwei führt seine Erfahrungen mit Zensur auf eine Familiengeschichte zurück, die bereits die politische Verfolgung und das Schreibverbot seines Vaters umfasst. 00:05:35–00:09:21
- Ab 2005 nutzte er nach eigener Darstellung das chinesische Internet intensiv für politische und gesellschaftliche Kritik und wechselte wegen Sperrungen ungefähr 200-mal seinen Online-Namen. 00:10:52–00:12:22
- Als Reaktion auf staatliche Überwachung übertrug er zeitweise selbst Bilder aus seinem Wohn- und Arbeitsbereich live ins Internet. 00:12:23–00:15:00
- Nach einer Äußerung zum Israel-Gaza-Konflikt seien fünf seiner geplanten Ausstellungen in mehreren westlichen Ländern abgesagt, verschoben oder verzögert worden. 00:15:48–00:18:30
- Ai Weiwei vertritt die Auffassung, dass Zensur nicht auf China oder Russland beschränkt sei. 00:17:27–00:18:30
- Seine Rückkehr nach China nach etwa zehn Jahren habe vor allem dem Besuch seiner 93-jährigen Mutter gedient. 00:22:22–00:23:31
- Seine politische Haltung zu Menschenrechten und Meinungsfreiheit habe sich nach eigener Aussage nicht verändert. 00:26:57–00:27:29
- Ai Weiwei kann sich grundsätzlich vorstellen, wieder in China zu leben, insbesondere wegen der gemeinsamen Sprache und seines Gefühls, andernorts nicht vollständig zu Hause zu sein. 00:27:30–00:29:52
- Flüchtlinge verlassen ihre Heimat nach seiner Auffassung häufig nicht freiwillig; sprachliche, religiöse und kulturelle Verwurzelung mache Migration zu einem langwierigen Prozess. 00:29:52–00:30:54
- Politische Meinungsverschiedenheiten seien für ihn kein Grund, persönliche Begegnungen oder ein gemeinsames Foto abzulehnen. 00:31:19–00:34:34
- Ai Weiwei betont, dass er auch Meinungen äußern wolle, die falsch sein könnten oder anderen nicht gefallen. 00:34:41–00:35:58
- Vollständig unpolitische Kunst hält er für unmöglich, weil jeder Künstler innerhalb gesellschaftlicher Strukturen arbeite und die Welt aus einer bestimmten Position wahrnehme. 00:45:29–00:46:43
- Künstliche Intelligenz könne seiner Ansicht nach menschliche Kunst nicht ersetzen, weil menschliche Empfindungen und Unvollkommenheit wesentliche Bestandteile von Kunst seien. 00:46:44–00:48:26
- Ai Weiwei berichtet von vier Reisen in die Ukraine und Aufenthalten mit Soldaten an der Front. 00:49:51–00:53:30
- Er beziffert den durch Drohnen verursachten Anteil der Verluste im russisch-ukrainischen Krieg auf 96 Prozent und beschreibt die Drohnentechnik als grundlegende Veränderung der Kriegsführung. 00:51:50–00:53:30
- Rückblickend bezeichnet Ai Weiwei sein Leben als stärker von Freude als von Leid geprägt. 00:53:36–00:54:06
Genannte Personen und Organisationen
- Ai Weiwei
- Ai Weiweis Vater – Dichter; Name im Transkript nicht eindeutig wiedergegeben
- Ai Weiweis Mutter
- Ai Weiweis Sohn
- Mao Zedong
- Heinrich Heine – im Transkript sprachlich undeutlich, im Zusammenhang mit einem deutschen Dichter und Deutschland. Ein Wintermärchen
- AfD
- Angela Merkel
- The Guardian
- Westend Verlag
- Universität der Künste Berlin
- Credit Suisse
- chinesische Regierung beziehungsweise chinesische Behörden
- deutsche Regierung beziehungsweise deutsche Behörden
- israelische und US-amerikanische Politik im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt
Genannte Zahlen und konkrete Angaben
- Ai Weiwei wurde 1957 in Beijing geboren. 00:01:49
- Sein Vater wurde nach Ai Weiweis Darstellung für etwa 20 Jahre verbannt. 00:07:15
- Ai Weiwei begann 2005, intensiv online zu publizieren. 00:10:52
- Wegen Sperrungen habe er seinen Online-Namen ungefähr 200-mal geändert. 00:11:41
- Ai Weiwei war 2011 für 81 Tage in Haft. 00:23:52–00:24:08
- Behörden hätten ihm damals mit bis zu 13 Jahren Haft gedroht. 00:24:33–00:24:51
- Sein Sohn war während dieser Haftzeit etwa 2 Jahre alt; zum Zeitpunkt des Gesprächs sei er 17 Jahre alt. 00:24:33–00:25:14
- Ai Weiwei kehrte nach ungefähr 10 Jahren wieder nach China zurück. 00:22:22
- Seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 93 Jahre alt. 00:23:13
- Er sagt, in den vergangenen zehn Jahren mehr als 300-mal Grenzen überschritten zu haben. 00:28:13
- Nach einer Äußerung zum Israel-Gaza-Konflikt seien fünf Ausstellungen betroffen gewesen. 00:16:34–00:17:27
- Ai Weiwei verlor nach eigener Angabe ungefähr 13 Kilogramm Körpergewicht. 00:38:58
- Er berichtet von vier Reisen in die Ukraine. 00:51:50
- Er beziffert den Anteil der durch Drohnen verursachten Verluste im russisch-ukrainischen Krieg auf 96 Prozent. 00:52:14
- Eine Drohne koste nach seiner Angabe etwa 500 Euro. 00:52:31
- Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Ai Weiwei 68 Jahre alt. 00:53:36
Genannte Quellen, Bücher, Studien oder Dokumente
- On Censorship / Über Zensur – Ai Weiweis Buch über Zensur; die deutsche Ausgabe erscheint laut Moderator beim Westend Verlag. 00:01:07–00:01:28
- 1.000 Jahre Freud und Leid – Ai Weiweis Autobiografie. 00:53:36
- Deutschland. Ein Wintermärchen – im Gespräch im Zusammenhang mit Heinrich Heine erwähnt. 00:09:43–00:10:26
- The Guardian – Interview mit Ai Weiwei nach seinem Weggang aus Berlin. 00:34:41
- Eine von Ai Weiwei angekündigte eigene „wissenschaftliche Arbeit“ zum Gewichtsverlust; ein genauer Titel oder Publikationsstatus wird nicht genannt. 00:38:58–00:39:24
Unklare oder nicht sicher zuordenbare Stellen
- Der Name des Moderators wird im Transkript als „Philip Herman“ wiedergegeben; die Transkription könnte fehlerhaft sein.
- Der Name von Ai Weiweis Vater wird nicht eindeutig genannt.
- Die Passage zu Heinrich Heine ist sprachlich fehlerhaft transkribiert; eindeutig erkennbar sind jedoch der Bezug auf einen deutschen Dichter sowie Deutschland. Ein Wintermärchen.
- Der Name der AfD-Politikerin wird im Transkript undeutlich wiedergegeben und deshalb hier nicht ergänzt.
- Einzelne Angaben zu Banken und Institutionen sind phonetisch fehlerhaft transkribiert.